Im Yogasutra gibt es die innere geistige Instanz drsta (Sanskrit, gesprochen: draschta). Sie ist unbeeinflusst von Gefühlen, Meinungen und Bewertungen. Es gibt verschiedene Übersetzungen für den Begriff: das sehende Selbst (Sriram), der Seher, das Selbst, der Beobachter, der innere Zeuge oder das Zeugenbewusstsein. Drsta ist kein Organ. Es kann deshalb auch nicht gleichgesetzt werden mit dem Gehirn, obwohl es um sich eine geistige Tätigkeit bzw. einen geistigen Zustand handelt. Drsta hat keine Form, ist zeitlos und unveränderlich. Sind wir in Kontakt mit drsta, können wir uns selbst so wahrnehmen, wie wir wirklich sind und unsere Umgebung, wie sie wirklich ist.
Geschieht das denn sonst nicht, werden Sie sich vielleicht fragen. Sie fühlen, riechen, schmecken, hören und sehen doch! Ja, Sie nehmen all das wahr, aber sobald etwas in Ihre Wahrnehmung kommt, vermischt sich das mit dem bereits Bekanntem. Sie nehmen es nicht mehr frisch wahr, es sei denn, Sie haben noch nichts derartiges erlebt. Üblicherweise beginnen Sie unbewusst nach Erinnerungen zu suchen, zu vergleichen, zu bewerten, sind zustimmend oder ablehnend. Es ist als wenn man in ein Glas Wasser, das völlig klar ist, einen Spritzer Zitrone oder Saft gibt. Sofort verändert sich die Klarheit. Ein anderes Beispiel: Sie treffen eine Person – Kollege/Kollegin, Mitschüler/in – nach langer Zeit wieder. Wie lange dauert es, bis sich das Bild von dieser Person, wie sie früher aussah, sprach und sich verhielt, in den jetzigen Eindruck mischt? Sie vergleichen und stellen fest, dass er /sie sich nicht verändert hat oder älter aussieht. In diesem Fall hat das vermutlich keine besondere Auswirkung. Dennoch ist der jetzige Eindruck nicht mehr neutral. Sie sind nicht mehr unvoreingenommen. Das ist nicht das Wahrnehmen aus drsta.
Dieser Effekt tritt viele Male jeden Tag ein – unbewusst. Und nicht nur der Effekt an sich ist unbewusst, auch was Sie „dazu mischen“, ist unbewusst. Und damit werden Sie dann einer aktuellen Situation, einem anderen Menschen oder auch sich selbst nicht mehr gerecht. Mehr noch: Das, was Sie dazu geben, bestimmt Ihre Kommunikation und Ihr Handeln. So wie Sie spüren, wenn Sie nicht wahrgenommen werden oder wenn Sie sich ungerecht behandelt fühlen, so ist es auch umgekehrt. Wenn Sie Glück haben, sagt man Ihnen das. Sie sind vielleicht zunächst verwirrt, weil Sie garnicht bemerkt haben, was geschehen ist. Dann können Sie Ihr Sprechen oder Handeln korrigieren.
Ein Zeuge hingegen ist neutral, nicht parteiisch und er hat in dem ganzen Geschehen keinen aktiven Part. Das Zeugenbewusstsein ist ganz wach und sich der mentalen Prozesse ohne den sonst üblichen Einfluss der Emotionen oder Leidenschaften, die aus Erinnerungen und Bewertungen entstehen, bewusst. Deshalb wird es gelegentlich als Reflexion des höchsten Bewusstseins, das in allen Wesen ist, betrachtet.
Mithilfe von Yoga können wir die Instanz des drsta, den inneren Zeugen stärken:
1. Im Yogasutra heißt es dazu, dass dieses Bewusstsein /dieser Zeuge/ Seher (nur) dann aufscheint, wenn die Gedanken und Gefühle zur Ruhe kommen (YS I.3). Wenn die Gedanken und Gefühle ruhig sind, z.B. auf der Yogamatte und in der Meditation, können sie beobachten und über unsere Muster lernen. Das ist svadhyaya (Selbststudium oder Selbstbeobachtung) und Teil des kriya yoga (YS II.1). Die mentalen Muster sind nichts anderes als erlernte und gespeicherte Erinnerungen und Erfahrungen. Sie sind es, die wir im Alltag abrufen und die wir neuen Erfahrungen „beimischen“. Eine Metapher ist, dass sie wie eine Brille sind, durch die wir alles betrachten. Sie „färben“ jegliche neue Erfahrung. Durch svadhyaya entwickeln wir viveka. Viveka ist die Fähigkeit, zu unterscheiden. In diesem Zusammenhang ist es die Fähigkeit zu unterscheiden, was zur aktuellen Erfahrung und was Teil eines Musters ist. Diese Fähigkeit steht den meisten Menschen nicht sofort vollständig zur Verfügung, sondern kann nur entwickelt werden. Der innere Zeuge ist am Anfang noch beeinflusst von den Gedanken und Gefühlen (citta) und wird im Laufe des Prozesses immer klarer.
2. Auf der Yogamatte können wir in den asana und pranayama üben, immer wieder mit „frischem Geist“ oder dem „Anfängergeist“ ein asana auszuführen, ohne die Erfahrung aus der vorherigen Stunde beizumischen. Heute ist vielleicht eine andere Temperatur, es ist lauter oder leiser, die Tagesform ist eine andere, es fällt vielleicht schwer oder leicht. Was nützen die alten Erfahrungen aus vorherigen Stunden? Was haben sie mit der Situation heute zu tun? So wird der innere Zeuge oder das Zeugenbewusstsein gestärkt. Wichtig: Es geht um das unbewusste Vermischen! Natürlich kann und darf man sich bewusst (an die Stunde zuvor) erinnern, vergleichen oder bewerten, wenn es dem Zweck dient und es sinnvoll ist.
Welche Bedeutung hat der innere Zeuge im Alltag?
Wenn es Ihnen gelingt, im Alltag, bevor Sie reflexartig reagieren, inne zu halten, bewusst zu atmen und aus der Haltung des inneren Zeugen die Situation wahrzunehmen, ergeben sich neue Reaktionsmöglichkeiten. Sie können für einen Moment die eigenen Gefühle und Gedanken beobachten, die mit Sicherheit auftauchen werden und diese von der aktuellen Situation trennen. Sie können das eine vom anderen unterscheiden. Und darum geht es. Erinnerungen und Bewertungen können je nach Situation sinnvoll sein. Und es ist nichts falsch daran, sie zur rechten Zeit zu nutzen. Aber nur dann – und wenn, dann bewusst.
Ja, das ist nicht leicht. Wir haben es nicht gelernt. Es braucht Selbstdisziplin in der Kommunikation und es verlangsamt die Reaktion – am Anfang des Übens mehr, dann immer weniger. Die Wahrnehmung wird feiner, der Kontakt dadurch intensiver und qualitativ besser.
Am Anfang gelingt diese Übung der Selbstbeobachtung am besten auf der Yogamatte. Die Pausen zwischen den asana geben dem inneren Zeugen den Raum. Es gibt nichts zu tun, nichts zu wollen, nichts zu sollen. Sie werden merken, dass es Ihnen von Mal zu Mal leichter fällt.
Dann können Sie sich im Alltag beobachten, indem Sie innehalten, und sich auf den Atem konzentrieren. Der letzte Schritt ist dann, wenn der innere Zeuge im Kontakt präsent ist. Jedes Mal, wenn Ihr innerer Zeuge aufscheint, wie es im Yogasutra heißt, ist ein Erfolg. Das Alltagsbewusstsein wird jedoch immer wieder vorherrschend sein. Das gilt es zu akzeptieren und Ehrgeiz oder Perfektionismus zu vermeiden. Der ganze Prozess benötigt einen langen Atem (abhyasa) und innere Entspanntheit (vairagya). Dann führt er zum Ziel, sagt das Yogasutra. Oder in der heutigen Sprache: Die Bereiche im Gehirn und die Nerven, die für die Selbstwahrnehmung zuständig sind, werden durch ständiges Wiederholen gestärkt.
Dazu ein informatives Video: Prof.Dr. Joachim Bauer – Vortrag „Stärkung des Selbst, Benefits für Körper und Gehirn: Yoga aus neurowissenschaftlicher Sicht“ von Prof. Dr. Joachim Bauer beim BDY-Kongress 2017: https://www.youtube.com/watch?v=j2AxgJIs57k