Thema: Der Atem – 2. Der geistige Aspekt im Yoga

Der Zusammenhang zwischen Atem und unserem Geist ist uns bekannt. In unserer Alltagssprache gibt es Redewendungen wie „halte mal die Luft an“, „erst mal tief durchatmen“, etwas ist „atemberaubend“ oder „verschlägt uns den Atem“, eine „Atempause“ machen. Die Atmung reagiert also nach unserer Erfahrung auf unsere Gedanken und Emotionen. Dies geschieht bewusst oder unbewusst. Diese Erfahrung haben die Meditierenden schon sehr früh gemacht und einen Umgang mit dem Atem entwickelt, der ihnen hilft.

Der ganze Yogaweg dient dazu, den Geist zur Ruhe zu bringen, damit wir das Wesentliche, DIE Wahrheit, wer wir wirklich sind, erkennen. Diese Erkenntnis, so die Erfahrung dieser Menschen, ist die einzige Möglichkeit, wirklich und vollständig von Leid (duhkha) frei zu werden. Duhkha heißt wörtlich übersetzt „das, was den inneren Raum verengt“, also Schmerz, Druck, Leid. Solange wir in dieser Hinsicht  unwissend sind oder ein falsches oder unvollständiges Wissen (avidya) haben, erfahren wir immer wieder Leid. Der Yogaweg, in dessen Zentrum die Meditation steht, führt zu der befreienden Erkenntnis. Die Menschen haben dann das erfahren, was wir heute psychosomatisch nennen: Die Gedanken sind verbunden mit den Gefühlen. Es gibt kaum neutrale Gedanken ohne ein Gefühl. Probieren Sie es mal aus. Deshalb ist im Yoga, wenn von Geist gesprochen wird, diese Einheit von Gedanken und Gefühlen gemeint. Wenn also die Gedanken zur Ruhe kommen sollen, müssen wir uns auch um unsere Gefühle kümmern.

Wie der Atem für eine körperliche Balance genutzt wird, wurde im ersten Beitrag erläutert. Auf der geistigen Ebene ist er von zentraler Bedeutung.

Im Yogasutra wird der Atem in verschiedenen Zusammenhängen in 7 Versen (sutras) erwähnt (zum Vergleich: asanas 3 sutras). Die Hatha Yoga Pradipika beschreibt sogar in 26 Versen sehr detailliert den Atem, die Atemtechniken (pranayama) und deren Wirkungen. Beiden Texten ist gemeinsam, dass sie betonen, dass der bewusste Atem nicht zu unterschätzen und kein „Spielzeug“ ist. Er bedarf bestimmter Voraussetzungen:

Yogasutra: Die Köperhaltung soll stabil (kräftig) und anstrengungslos (leicht) sein.(YS 2.49)

Hatha Yoga Pradipika (2.1):

  • Wenn Stabilität in der physischen Praxis (Asana) erlangt ist,
  • der Yogi Selbstkontrolle (im Geist) erreicht hat,
  • die Ernährung angemessen und maßvoll ist,
  • dann sollen in direktem Unterricht durch den Lehrer die Atemtechniken (pranayama) geübt werden.

Beide Texte setzen eine gute körperliche Konstitution voraus, was zunächst überraschen mag. Die Atempraxis (pranayama) erfolgt in der Regel im Sitzen. Das Sitzen erfordert kräftige Bauch- und Rückenmuskeln. Bei einigen Atemtechniken werden die Bauchmuskeln eingesetzt, was nur gut möglich ist, wenn sie kräftig und unverspannt sind.

Die Selbstkontrolle kann man so verstehen, dass der Yogi mit seinen Gedankenmustern und Gefühlen vertraut ist und mit ihnen umgehen kann. Andernfalls kann er ihnen ausgeliefert sein. Da mit den Atemtechniken altes Leid zum Vorschein kommen kann, oder auch nur Unruhe oder Angst, benötigt der Yogi Erfahrung, wie er mit der Situation umgehen kann und nicht überflutet wird.

Der Text geht sogar weiter und bezieht die Ernährung mit ein. Auch diese hat nach den ayurvedischen Prinzipien einen Einfluss auf den Geist.

Schließlich sollen die Atemtechniken von einem Lehrer vermittelt werden. Dieser Lehrer kann die Situation des Schülers berücksichtigen und die passende Atemtechnik anbieten. Auch kann er dem Schüler bei Problemen zur Seite stehen, ggf. auch zu einem Arzt oder Therapeuten raten.

Die Bedeutung aller genannten Voraussetzungen und besonders eines Lehrers ergibt sich aus den folgenden Versen der Hatha Yoga Pradipika:

  • Der richtige Atem kann jede Krankheit heilen und der falsche Atem jede Krankheit hervorrufen (HYP 2.16, 2.17).
  • Man solle den Atem „langsam zähmen“, sonst zerstöre er den Yogi (HYP 2.15). Manchmal wird das Bild benutzt, man solle sich dem Atem so vorsichtig nähern wie einem Tiger.

Daraus erkennt man auch, dass dieser Text für Menschen in Indien vor ca. 700 Jahren geschrieben wurde. Gilt das aber auch für uns heute? Oder haben wir inzwischen andere wissenschaftliche Erkenntnisse? Auch heute noch wird der Atem für bestimmte Beschwerden, meist psycho-mental, therapeutisch eingesetzt. Die Atmung steht in direktem Zusammenhang mit dem Gehirn und dem Nervensystem. Die Warnungen in dem alten Text sind durchaus angebracht.

Welche Wirkungen hat die Atempraxis in geistiger Hinsicht?

  • Durch den vollständigen Atem mit einer Atempause wird der Geist, das Denken und Fühlen, klar. (YS 1.34)
  • Die Gedanken und Gefühle kommen zur Ruhe. Der Schleier, der unser Selbst verhüllt, wird durchsichtig und unser inneres Licht kommt zum Vorschein. Der Schleier des falschen Wissens (avidya, s.o.), lüftet sich. (YS 2.52)
  • Wenn der Lebenshauch in der Sushumna, dem mittleren Energiekanal, verweilt, entsteht Geistes-Ruhe. (HYP 2.42)
  • Die Neigung zur Unstetigkeit und zum Aufbrausen wird kuriert. Dies ist ein Hinweis auf psychische Wirkung bei Stress, Nervosität und Depression.
  • Bringt geistige Stille und Freude, also innere Ausgeglichenheit.
  • Anregung bei Erschöpfung

Weitere geistige Wirkungen:

  • Der stille Atem befähigt zur Meditation (YS 2.53)
  • Erweiterung des Bewusstseins

Wie können Sie nach oder mit einer Anleitung die bewusste Atmung nutzen?
Wenn Sie im Yogakurs mit der natürlichen Atmung und einer Atemtechnik vertraut geworden sind, können Sie diese zu Hause zur Vorbereitung auf die Meditation oder im Alltag zur Beruhigung oder Anregung nutzen.

Hierzu einige Beispiele:
Die einfachste Möglichkeit ist die Beobachtung des natürlichen Atems (prakrita pranayama) ohne eine weitere Technik. Dies ist überall möglich und wirkt ausgleichend. Hierzu gibt es eine Audiodatei.

Oder Sie praktizieren die Drei-Minuten-Meditation. (Technik: Atemzüge zählen)

Für die sommerlichen Temperaturen eignet sich die Technik „sitkari“ oder „sitali“ (gesprochen schitali). Beide Techniken wirken kühlend und erfrischend. Wenn man sie sehr lange übt, kann der Mund etwas trocken werden.

Sitkari: Durch den Mund einatmen; die Zunge wird dabei eingerollt und deren Spitze gegen den oberen Gaumen oder die Zähne gepresst. Mit einem Zischlaut einatmen. Dann die Zunge hinten an den Gaumen legen (dadurch wird verhindert, dass der Mund trocken wird) und durch beide Nasenlöcher ausatmen. (HYP2.54)

Sitali: Man rollt man die Zunge dabei ein wenig auf, formt eine Rille und streckt sie ein wenig heraus. Der Atem wird über die Zunge eingesaugt, angehalten und dann sanft durch beide Nasenlöcher wieder ausgeatmet. Beim Ausatmen die Zunge an den oberen Gaumen legen.(HYP2.57)

 

Dazu gibt es ein bezauberndes Video in Englisch. Der Sprecher spricht einen charmanten typisch indischen Akzent. Mehr→