Zu den beiden ersten Aspekten – Körper und Geist – finden sich zahlreiche Quellen und moderne Untersuchungen. Körper und Geist sind für uns erfahrbar. Zum spirituellen Aspekt gibt es deutlich weniger Quelltexte und Kommentare. In den alten Quellen wird an verschiedenen Stellen ausgeführt, dass die spirituelle Erfahrung sehr individuell ist und jenseits unserer Worte liegt. Es wird versucht, diese Erfahrung in Bildern zu beschreiben, wobei gleichzeitig darauf hingewiesen wird, dass sie nur eine unzulängliche Beschreibung sein können. Worin das Problem solcher Beschreibungen liegt, wird in dem Höhlengleichnis von Platon deutlich: Eine Gruppe von Menschen lebt in einer Höhle und kennt nur diese Höhle. Das Licht, das in diese Höhle fällt, erzeugt Schattenbilder. Die Menschen halten diese Schatten für real, weil sie den Zusammenhang nicht kennen. Sie nehmen diese Realität als gegeben hin. Einige von ihnen fragen sich jedoch, was es mit diesen Schattenbildern auf sich hat und woher das Licht kommt. Sie verlassen mutig die Höhle und erkennen die Quelle: die Sonne. Sie kommen in die Höhle zurück und stehen vor dem Problem, den anderen die Sonne und die Schatten zu erklären, obwohl diese keine Idee von Sonne, Licht und Schatten haben.
Dieses Problem haben Menschen, die eine spirituelle Erfahrung gemacht haben, die jenseits unserer alltäglichen Erfahrung liegt. Deshalb gibt es vielleicht auch nur wenige Texte. Schon der Begriff „spirituell“ ist nicht klar definiert. In diesem Zusammenhang ist eine transzendente Erfahrung gemeint. Dieser Text kann deshalb nur einige der Dinge, die bekannt sind, aufgreifen.
Pranayama setzt sich zusammen aus:
- prana-Atem, Lebenskraft, Energie
- ayama-ausweiten, in Fluss bringen, ausdehnen
- yama-lenken.
Teil dieser spirituellen Erfahrung ist das Konzept von „prana“. Prana hat in manchen Texten die Bedeutung von Atem. Prana bedeutet aber auch „das, was überall ist“, das was fließt. Es wird beschrieben als die Funktion oder Kraft, die den Atem und alle anderen Körperfunktionen bewirkt. Solange prana in unserem Körper ist, sind wir lebendig. Es ist die alles zugrunde liegende Lebensenergie.(Taittiriya Upanisad) Prana ist überall, wo Leben ist, in allen Lebewesen. Im Yoga geht es deshalb letztendlich darum, dass prana fließen kann. Alle asanas, pranayama, Meditation dienen dazu, Blockaden zu lösen, um den freien Fluss von prana zu ermöglichen. Denn solange prana fließt, sind wir gesund, lebendig und können den Zustand des Erkennens, unser Selbst erfahren. Prana unterliegt nicht unserem Willen.Es fließt aus sich heraus. Wir können „nur“ die Bedingungen in unserem Körper und Geist schaffen, der das Fließen ermöglicht. Handelt es sich vielleicht um eine Beschreibung, was Leben im Ursprung ist?
Was sagen die Quellen dazu?
Yogasutra 2.51:Einatmen-ausatmen-Pause- „Das Vierte“ (caturtha).Während die ersten drei Elemente des Atems konkret benannt werden, bleibt die vierte unbeschrieben. Niemand weiß wirklich, was Patanjali, der mutmaßliche Autor des Textes, damit gemeint hat. Einige Kommentare deuten dies so, dass die vierte Atemform eintritt, wenn wir beim Atmen nichts mehr machen. Das ist für uns schwer vorstellbar, denn dieses „Vierte“ entzieht sich dem Zugriff unseres Verstandes. Das „Vierte“ wird so beschrieben, dass es kein zusätzliches Element des Atems ist, sondern ihm zugrunde liegt. Ist hier eventuell das Prinzip von prana gemeint? Dann verschwindet alle Unbewusstheit, Verspannung, Anhaftung. Es geht also nicht nur mit einer Veränderung des Atems einher, sondern vielmehr des Gesamtzustandes des Geistes. Die Atemtechniken und Atemführung ist die Vorbereitung darauf, die Ein- und Ausatmung und die Atempause von einem ursprünglichen Atem aus dem wahren Selbst heraus tragen zu lassen. Dann entsteht ein Zustand von Klarheit. Im Zustand des „Vierten“ gibt es keine Technik mehr.
Hatha Yoga Pradipika: Das Ziel aller Atemtechniken ist der Zustand von kevala-kumbhaka (HYP 2.72-2.76). Kevala bedeutet Freiheit – die innere Freiheit von Blockaden, Krankheiten, falschem Wissen. Kumbhaka bedeutet Anhalten. Die innere Freiheit entsteht im Moment des Anhaltens des Atems, in der Atempause. In der Atempause kommt der Geist ebenfalls zur Ruhe.Die Atemtechniken sollen den Geist in einen anderen Zustand führen.
In der HYP wird das Konzept der nadis präsentiert (2.20): Es sind feinstoffliche Energiebahnen, ähnlich dem Konzept der Meridiane in der chinesischen Medizin. Durch sie fließt prana und der Atem. Nach diesem Konzept „schläft“ die Bewusstseinsenergie „Kundalini“ am unteren Ende der Wirbelsäule. Sie steigt durch sushumna, den Wirbelsäulenkanal auf. Wenn dieser Kanal, der zu den nadis zählt, blockiert ist, kann sie nicht nach oben aufsteigen und der Mensch nicht „erwachen“, nicht sein Selbst erfahren, sondern bleibt unbewusst – mit allen Mustern, Anhaftungen, Süchten. Pranayama hilft, diese Kanäle von Unreinheiten zu befreien, so dass die Kundalini aufsteigen kann und der Mensch den Zustand von kevala-kumbhaka erleben kann.
Hierbei handelt sich sich, wie zu Beginn beschrieben, um Bilder der damaligen Zeit, die die Vorgänge und Zustände beschreiben sollen, die mit pranayama erreicht werden können und die für diese Menschen auch Ziel ihrer Praxis waren. Durch die Praxis von Atemtechniken wurde der Atem und Geist verfeinert, gereinigt, geklärt, um den Zustand der Erkenntnis, inneren Freiheit und Friedens zu erreichen, in dem dann keine Technik mehr notwendig ist.