„Üben ist wichtig, aber es führt nicht zum Ziel“

….diese Aussage machte Dr. Mittwede auf dem Kongress des BDY (Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland am 24.6.17).

Wie ist das in Bezug zum Üben im Yoga zu verstehen?
Wenn Üben nicht zum Ziel führt, wo liegt dann der Sinn?
Was ist das für ein Ziel, das man nicht durch Üben erreichen kann? Und wie erreicht man es sonst?

Das Üben im Yoga vollzieht sich auf mehreren Ebenen: Wir üben mit dem Körper (asana), dem Atem (pranayama) und dem Geist (Meditation). Das Üben oder besser, die Praxis, soll uns von Blockaden, Störungen (im Yogasutra: Unreinheiten) und schädigenden Gewohnheiten (klesas – gesprochen: kleschas, YS II.3) befreien. Wer kennt nicht das befreiende Gefühl, wenn sich am Ende der Yogapraxis Verspannungen im Nacken oder der Schulter oder Kopfschmerzen aufgelöst haben. Ein Gefühl von neuer Freiheit, Beweglichkeit und Lebendigkeit stellt sich ein – oder das Gefühl von Entspannung, besseren Schlafs oder auch Belebung nach einer Atempraxis oder Meditation. Das Gefühl von Stress, innerer Unruhe (rajas – gesprochen: raschas) oder von Müdigkeit und Trägheit (tamas) weicht einem Gefühl von wacher Ruhe und Klarheit (sattva). Wenn wir mit dem Geist üben und unsere Gewohnheiten, Vorurteile und Überzeugungen überprüfen (svadhyaya, YS II.1), führt das zu einem immer authentischeren und harmonischerem Umgang mit uns selbst und der Welt.

Also führt Üben doch zum Ziel? Natürlich ist es ein erstrebenswertes Ziel, Körper und Geist von Beschwerden zu befreien und zu stärken. Das ist im Yoga nicht das endgültige Ziel, sondern vielmehr eine Voraussetzung für das Erreichen des Ziels. Blockaden und Störungen sind Hindernisse (antaraya, YS I.30) auf dem Weg zum Ziel. Wenn wir uns um die Hindernisse kümmern, ist der Weg zum Ziel frei. Das ist das, was wir tun können. Das Ziel ist die Erkenntnis, wer wir wirklich sind, was unsere Essenz ist. Dies liegt außerhalb unserer üblichen mentalen Erfahrung. Es wird beschrieben als ein innerer Zustand, der absolut klar und leidfrei ist (kaivalya oder samadhi). Diesen Zustand zu erreichen ist das Ziel allen Übens, ob körperlich (asana) oder psycho-mental (pranayama, Meditation). So wird es im Yogasutra beschrieben. Sie haben die Freiheit, dies als Ihr Ziel betrachten oder etwas anderes.

Das Üben kann uns in meditative Zustände führen und auch bis „an das Tor“ zu diesem Zustand. Ob oder wann es sich öffnet, liegt nicht in unserer Macht. Wir können uns auf den Weg machen und vielfältig vom Üben profitieren. Nicht mehr und nicht weniger.

Im Yogasutra werden im ersten Kapitel, 12. Sutra zwei Qualitäten für das Üben genannt: Abhyasa, die Fähigkeit, regelmäßig und konsequent zu üben und vairagya, die Fähigkeit, offen zu sein für das Ergebnis des Übens. Üben ist also laut Yogasutra wichtig, und nicht nur das, sondern regelmäßig zu üben, dran zu bleiben und bei Unterbrechungen immer wieder anzufangen. Ohne dieses regelmäßige Üben haben wir keine Möglichkeit, das Ziel zu erreichen. Das Ziel läßt sich jedoch nicht erzwingen. So, wie wir es nicht erzwingen können, einzuschlafen. Der innere Zustand des Schlafs geschieht oder geschieht nicht. Wir können oder müssen aber Voraussetzungen oder Umstände schaffen, die den Zustand ermöglichen könnten: Gute Matratze und Kopfkissen, temperierter, stiller und dunkler Raum. Und manchmal, wenn wir sehr müde sind, schlafen wir ein ohne es zu wollen. Auch das ist im Yoga schon vorgekommen, dass Menschen den klaren Zustand von kaivalya oder samadhi erfahren haben ohne zu Üben. Allerdings ist das sehr selten.

Das Yogasutra empfiehlt daher, Vertrauen (sraddha) in das Üben/die Praxis zu entwickeln, dass wir das Ziel der inneren Erkenntnis auf diesem Weg erreichen. Ohne das Vertrauen ist es schwer regelmäßig zu üben, durchzuhalten, Hindernisse zu überwinden und Rückschritte zu akzeptieren. Dieses Vertrauen ist nicht blindes Vertrauen, sondern das Vertrauen darauf, dass der Weg von anderen beschritten und gemeistert wurde und es uns deshalb auch möglich ist.

Also: Auch wenn das Üben nicht zum Ziel führt, es hat viele angenehme andere Ergebnisse und es geht nicht ohne. Ich wünsche Ihnen abhyasa und vairagya.

Abkürzungen: YS = Yogasutra, Röm. Zahl, z.B. II = Kapitel