
Die folgenden Gedanken können nicht mehr und nicht weniger als Impulse sein. Zu jedem Punkt gibt es sicherlich individuelle Erfahrungen und Meinungen. Der Text möchte aus dem Blickwinkel von Yoga dazu einladen, sich dafür zu öffnen, um die Krise auch als Gewinn erleben zu können.
1. Angst – abhinivesa (YS 2.2, 2.9)
„Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern der Triumpf über sie….Der tapfere Mensch ist nicht der, der keine Angst verspürt, sondern der, der diese Angst überwindet“ (Nelson Mandela Der lange Weg zur Freiheit, Autobiographie, Spiegel-Verlag 2006/2007)
Wir befinden uns in der sogenannten zweiten Phase der Pandemie. Es geht nicht mehr nur um das Virus. Darüber weiß man zwar mittlerweile mehr als zu Beginn, aber es gibt nach wie vor keine Sicherheit, wie es übertragen wird, warum Menschen unterschiedlich darauf reagieren, ob es zu einer Immunität kommt, was heilt und hilft. Deshalb kann es auch zur Zeit keine sicheren Maßnahmen geben. Alle Maßnahmen beruhen auf einer Unsicherheit. Es gibt noch keine „best practice“.
Wir Menschen halten Unsicherheit nicht gut aus. Unsicherheit macht uns Angst. Und wir können in mehrfacher Hinsicht Angst haben: 1. infiziert zu werden 2. vor dem ungewissen Krankheitsverlauf 3. Angst um Angehörige, die zu den Risikogruppen zählen 4. Angst um den Arbeitsplatz 5. Angst am Arbeitsplatz (z.B. in Berufen mit Körperkontakt) 6. Angst um unsere Grundrechte („die neue Normalität“) 7. Angst um die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung, usw. Diese Unsicherheit wird täglich durch die Medien gefüttert.
Nach vielen Jahrzehnten, in denen wir unser Leben unter Kontrolle und uns in Sicherheit glaubten, sind wir nicht darin geübt, mit Unsicherheit umzugehen. Die unsichere Zeit nach der Wiedervereinigung 1989/1990 liegt schon 30 Jahre zurück, die letzte Finanzkrise 2008/2009 mehr als 10 Jahre. Unsicherheit in Form von Krieg und Naturkatastrophen waren weit weg und betrafen die anderen.
Jetzt sind wir mit im Boot. Im Yogasutra ist Angst oder abhinivesa eine von den fünf Grundtrieben, klesas genannt (YS 2.2 ff.). Angst ist ein Gefühl, das wir mit vielen Lebewesen teilen und dient unserem Überleben. Weil es im Grunde um nicht weniger als Leben und Tod geht, ist Angst so mächtig. Alle Ängste, die wir kennen, wie immer sie sich auch zeigen (obengenannte Beispiele) wurzeln in der Angst vor dem Tod. Deshalb macht Angst uns irrational und beeinflussbar bis manipulierbar. Bilder von Toten und Särgen lösen, mehr oder weniger bewusst, Todesangst in uns aus. Wenn wir von der Angst beherrscht werden, sind wir nicht zu rationalen Gedanken fähig. Wir nehmen sogar alles auf, was unsere Angst noch verstärkt. Wir sind wie ein Fähnchen im Wind, das mit mit jedem neuen Luftzug hin- und hergeweht wird, weil wir nicht mehr zwischen echter und fiktiver Bedrohung unterscheiden können.
Im Yoga unterscheiden wir zwischen der Angst in einer konkreten Situation (z.B. im Straßenverkehr) und einer diffusen Angst, was eintreten könnte. Um diese diffuse Angst, abhinivesa (YS 2.9), geht es im Yoga, weil sie uns daran hindert, klare Gedanken zu fassen und ein freies, glückliches Leben zu führen.
Diese Angst akzeptieren wir im Yoga und reflektieren sie. Wir verdrängen sie nicht, lassen uns aber auch nicht von ihr beherrschen, sondern nehmen sie aus der Position eines Beobachters/einer Beobachterin als einen inneren Zustand wahr. Wenn wir uns mit der Angst identifizieren, sind wir Angst. Wenn wir sie als inneren Zustand erkennen, sind wir nicht unsere Angst. Das gibt uns die Möglichkeit, uns mit der Situation, wie sie gerade ist, auseinanderzusetzen, die Fakten zu sortieren und abzuwägen. Was ist wirklich wahr? Welche Möglichkeiten habe ich? Was kann ich tun, um mich und andere zu schützen? Was kann ich (im Krankheitsfall) tun? Wir entwickeln viveka -die Unterscheidungskraft zwischen dem, was unsere Angst uns suggeriert und der tatsächlichen Situation, wie auch zwischen dem Ego und unserem Bewusstsein.
Warum können wir uns selbst beobachten, einen inneren Zustand als solchen wahrnehmen? Wir haben ein Bewusstsein, das sich selbst zuschauen kann. Mit diesem Bewusstsein erkennen wir, dass die klesas und konkret abhinivesa zu unserem Ego gehören. Unser Ego identifiziert sich permanent: „Ich bin dies… Ich bin das…(z. B. KassiererIn, BusfahrerIn, Mutter/Vater, Sohn/Tochter, glücklich, traurig, wütend“. Und mit „Das ist mein….(Beruf, Haus, Fahrrad, PartnerIn, Kind, Meinung, Recht)“ dehnt es sich sogar aus. Es dreht sich gern um sich selbst und glaubt, je mehr es hat oder ist, desto größer und stärker ist es und dass es sogar vielleicht unsterblich wird. Das ist ein Trugschluss – avidya (YS 2.3-2.5). Alles, was wir als bedrohlich für dieses Ich und Mein bewerten bzw. erleben – sei es in Bezug auf Gesundheit, Arbeit, Beziehung oder Überzeugung – macht uns Angst.
Wir sind mehr als das Ego. Unser Bewusstsein (drasta YS 1.3) ist frei von den klesas und frei von Angst. Drasta ist unser inneres Zentrum. Dort spüren wir innere Stabilität, werden wir nicht hin-und hergeweht. Und damit können wir uns die Bewegungen – cittavritti- die Gedanken und Gefühle unseres Ego anschauen und sie dann durchschauen.
Die Bedeutung der Yogapraxis:
Unsere regelmäßige Yogapraxis mit stärkenden Übungen ist jetzt besonders wertvoll. Sie ist ein Anker inmitten der permanenten Veränderungen. Wir spüren unser stabiles, inneres Zentrum. Wir gönnen unserem Geist und unserem Nervensystem eine Erholungspause. Wir klären den Geist und kräftigen den Körper. Damit stärken wir auch unsere Widerstandskraft.
Was können wir aus dieser Zeit mitnehmen?
Diese Zeit zeigt uns unsere Angst, damit wir sie heilen oder erlösen können, indem wir jeden Tag besser mit der Unsicherheit umzugehen und auch unsichere Entscheidungen zu treffen lernen. Wir ent-wickeln (wortwörtlich) unsere Flexibilität, entdecken unsere Improvisationsfähigkeit und können erkennen, dass nicht alle Lösungen sofort perfekt sein müssen, können Geduld (upeksa) mit allen und auch mit uns üben. Wir können zwischen Ego und Selbst unterscheiden. Wir erweitern unsere Persönlichkeit und erfahren eine größere innere Freiheit.
2. Distanz und Einsamkeit – Unser Ego und unser wahres Selbst (YS 1.3 und 3.32)
Unsicherheit und Angst sind leichter zu bewältigen in Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft bietet Schutz. Das ist seit Jahrtausenden so. Deshalb haben wir die Fähigkeit uns anzupassen entwickelt. Warum sollten wir Kompromisse machen, uns einer anderen Meinung anschließen, wenn wir uns wirklich unabhängig und auch allein sicher und geschützt fühlen würden? Die Anpassungsfähigkeit ist eine kulturelle Leistung, die das Überleben der Menscheit und des einzelnen Menschen gewährleisten soll.
Und genau diese Ressource der Gemeinschaft ist jetzt stark eingeschränkt. Persönliche Kontakte sind kaum möglich. Glücklicherweise verfügen wir über eine Reihe technischer Kommunikationsmöglichkeiten. Sie können aber nicht das bieten, was wir im persönlichen Kontakt wahrnehmen. Wir verfügen über feine „Sensoren“, die mehr wahrnehmen als unsere Augen, Ohren und Nase. Im unmittelbaren Kontakt nehmen wir z. B. unbewusst wahr, wenn die andere Person atmet und synchronisieren den Atem. Es wurde auch festgestellt, dass sich sogar der Herzschlag angleicht. Wir riechen den anderen Menschen (Pheromone). Das alles kann die Technik nicht dauerhaft ersetzen, so hilfreich sie momentan auch ist. Das, was den menschlichen Kontakt ausmacht, entfällt im „homeoffice“ mit den Kollegen/den Kolleginnen, für SchülerInnen und für die Alleinlebenden in besonderem Maße. Es entfällt weitestgehend das Gefühl des Aufgehobenseins, des Schutzes der Gruppe in dieser neuen, unsicheren Situation. Es kann das Gefühl entstehen, die Situation allein bewältigen zu müssen. Das macht es in der aktuellen Situation schwerer.
Und selbst wenn wir Menschen begegnen, gehen wir auf Distanz und statt eines/einer Gleichgesinnten sehen wir in der anderen Person vielleicht einen bedrohliche/n VirenträgerIn. Die Masken verdecken zudem die Mimik, die wir bewusst und auch unbewusst sehen. Sie gibt uns Orientierung, ob uns jemand freundlich gesinnt ist und ist Grundlage unseres Verhaltens. Auch diesbezüglich erleben wir Unsicherheit.
Zur Einsamkeit sagt wikipedia:“Einsamkeit bezeichnet meist die Empfindung, von anderen Menschen getrennt und abgeschieden zu sein, ….[1] Oft wird mit Einsamkeit eine negativ konnotierte Normabweichung oder ein Mangel verbunden…..
In der Sozialpsychologie wird Einsamkeit entweder als Synonym für soziale Isolation verwendet oder als die Bezeichnung der subjektiven Auffassung, an einer ‚sozialen Isolation‘ (= Mangel an sozialen Kontakten) zu leiden – unabhängig davon, ob ein solcher Mangel intersubjektiv nachvollziehbar ist oder nicht.– während Einsamkeit ein unangenehmes Gefühl ist (subjektive Komponente)…“
Einsamkeit ist Leid und Schmerz. Die Einsamkeit entsteht aus dem Gefühl des Getrenntseins von anderen und von der Welt. Das Gefühl der Einsamkeit kann sogar erlebt werden inmitten von vielen Menschen, wenn man sich getrennt, nicht zugehörig oder fremd fühlt.
Der tiefere Grund für Einsamkeit liegt in uns selbst. Der größte Schmerz ist, wenn wir von uns selbst getrennt sind. Das haben wir in der Betriebsamkeit des Alltags und im ständigen Kontakt mit anderen bisher vielleicht nicht wahrgenommen. Wir wussten nicht darum und jetzt wird er offensichtlich, weil gerade keine Aufgabe und auch kein Mensch da ist, der uns ablenkt. Jetzt stehen wir da und wissen nichts mit uns anzufangen. Diese innere Trennung ist nicht naturgegeben. Im Gegenteil, wir waren am Anfang unseres Lebens vollständig mit uns verbunden. Allerdings fehlte uns das Bewusstsein dafür. Dann führten schmerzhafte Erfahrungen in unserem Leben ziemlich früh dazu, dass wir uns geschützt haben, indem wir uns selbst verlassen haben und uns nicht mehr spüren wollten. Wir haben uns mehr angepasst, als es für uns gut war. Das gehörte zu unserer Überlebensstrategie.
Außerdem können auch Gefühle oder Erinnerungen (samskara) auftauchen, die unangenehm sind oder uns überfordern könnten. Vielleicht ruft diese Situation Erinnerungen an frühe Situationen wach, in denen wir einsam und verängstigt waren und es war niemand da. Das war damals bedrohlich im Gegensatz zur heutigen Situation. Wir können jetzt für uns sorgen und auch Kontakt herstellen. Auch hier ist der Beobachter/die Beobachterin wichtig, um nicht in dieses alte Gefühl zu versinken.
Die Bedeutung der Yogapraxis:
Mit den Übungen (asana) spüren wir uns wieder mehr. Unsere Selbstwahrnehmung wird geweckt, indem wir zunächst den Körper spüren. Wir nehmen unseren Körper wieder in Besitz. Wir beginnen, ihn wirklich wieder zu bewohnen. Wir spüren seine Bedürfnisse und Wünsche. Das gibt uns wieder stabilen Boden, zu dem wir immer wieder zurückkommen können. Auf diesem Fundament können wir uns mit unseren Themen beschäftigen und mehr und mehr unser Leben wieder in Besitz nehmen. Wir erinnern uns an unser wahres Selbst (drasta) und es fühlt sich vielleicht an, als würde es innen wieder hell und klar. Im Yoga wird das als das Leuchten des inneren Lichts (jyoti, YS 3.32) beschrieben.
Was können wir aus dieser Zeit mitnehmen?
Jetzt ist die Zeit, uns um unsere innere Einsamkeit zu kümmern, unsere alten Erfahrungen zu heilen und zu erlösen. Wir können (in der Meditation) mit dem Bewusstsein des/der Erwachsenen uns dem Gefühl der Einsamkeit mit Liebe (maitri), Mitgefühl (karuna) und Verständnis (upeksa) zuwenden.
Losgelöst von der Vergangenheit ist die momentane äußere Kontakteinschränkung leichter zu handhaben.
3. Alleinsein und All-eins-sein in der Distanz
Wikipedia:“…mitunter werden damit (Einsamkeit) aber auch positive Aspekte in Zusammenhang gebracht, beispielsweise im Sinne einer geistigen Erholungsstrategie, die Gedanken ordnen oder Kreativität entwickeln bzw. fördern kann. In begrifflicher Hinsicht muss man vom „Einsamsein“ das häufig verwechselte „Alleinsein“ trennen…. bezieht sich „allein“ nur auf eine Zustandsbeschreibung (objektive Komponente). Dieser Zustand kann auch durchaus angenehm sein, weil der Mensch seiner Natur nach nicht nur nach sozialen Kontakten und sozialer Einbindung sucht, sondern auch nach Unabhängigkeit.“
Wikipedia unterscheidet zwischen Einsamkeit und Alleinsein, was für uns auch fühlbar ist. Man kann sich auch allein wohl fühlen, ohne einsam zu sein.
Alleinsein ist auch, aber nicht nur das Bedürfnis nach Unabhängigkeit. Einsamkeit ist der Schmerz des Getrenntseins von sich selbst und der Welt. Alleinsein ist hingegen das Gefühl, mit allen und allem verbunden zu sein, auch wenn gerade kein anderes Wesen in der Nähe ist. Es ist das All-eins-sein mit sich und mit der ganzen Welt. Und so hat jedeR von uns schon Momente der Einsamkeit und des Alleinseins erlebt und gespürt, ohne zu wissen, warum wir uns gerade so fühlen.
Die Bedeutung der Yogapraxis:
Das Ziel von Yoga ist, uns einen Weg zu zeigen, in die Einheit zurückzufinden. Der bewusste Atem und die Meditation sind die beiden Mittel. Wie wir gerade besonders deutlich an dem Thema Mund-Nasenschutz merken können, atmen wir alle dieselbe Luft, als Familie, als Nachbarn, am Arbeitsplatz, auf der Straße usw. Das wichtigste, was wir zum (Über-)Leben brauchen ist unteilbar. Wir befinden uns mit allen anderen Lebewesen in ein und derselben „Sauerstoffblase“. Auch in diesem Moment sind wir mit allem verbunden, was gerade in der Umgebung atmet. Der bewusste Atem oder eine Meditation mit dem Atem kann uns eine Idee von dem allumfassenden Einssein geben. Der Alltagsgeist kommt zur Ruhe und wir können eine immer tiefere Verbindung des Einsseins mit allem erfahren.
Was können wir aus dieser Zeit mitnehmen?
Diese Zeit können wir als Chance sehen, unser All-eins-sein zu erleben und zu genießen. Es verbessert außerdem die Qualität unserer Beziehungen: Wir sind nicht mehr bedürftig, d.h. wir brauchen andere nicht, um unseren Schmerz der Einsamkeit zu vermeiden und wir sind, im Kontakt mit uns selbst für andere sichtbar, spürbar, weil wir authentisch sind.
4. Vom Festhalten (raga YS 2.3, 2.7) über das Loslassen (vairagya YS 1.12, 1.15) in die Freiheit (kaivalya YS 4.34)
Es gibt seit Wochen starke Eingriffe in unseren Alltag, in unsere vertrauten Abläufe. Vielleicht gefielen uns vorher nicht alle, aber wir kannten uns aus, konnten auf Erfahrungen zurückgreifen und fühlten uns damit sicher. Diese täglich wiederkehrenden Abläufe gaben uns ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität. Die Tage waren im wesentlichen vorhersehbar und uns wurde die Verantwortung für die Organisation von Montag bis Freitag in einem bestimmten Umfang abgenommen.
Dann wurde unsere tägliche Routine gestoppt- für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Plötzlich und ohne Eingewöhnung sollten wir uns selbst organisieren: Den Tag mit kleinen Kindern gestalten, die Hausaufgaben, das Arbeiten von zuhause, einkaufen und kochen, denn die Kantine oder Mensa ist nicht verfügbar. Dazu kamen am Anfang auch technische und organisatorische Regelungen.
Die aktuelle Situation gibt uns mehr Freiheit. Ob wir morgens, abends oder nachts lernen oder arbeiten, kann jeder in größerem Maße als vorher selbst gestalten. Unabhängig von Speiseplänen können wir essen wonach uns gerade der Sinn steht. Für diejenigen, die diese Freiheit bisher nicht kannten, bedeutet es eine Umstellung und will bewältigt werden. Es fordert und fördert unsere Eigenverantwortung und unsere Disziplin (abhyasa). Den Umgang mit Freiheit und Eigenverantwortung zu üben stärkt unsere Persönlichkeit, läßt uns wachsen und reifer aus dieser Phase hervorgehen. Yoga ist genau das: Ein bewusstes, freies, selbstbestimmtes Leben als innere Einstellung, auch wenn es äußerlich momentan anders ist.
Eine neue Freiheit gibt es auch auf der materiellen Ebene. Ein großes Hindernis auf dem Yogaweg ist raga. Der Begriff bedeutet übersetzt Festhalten und Gier, alles Habenwollen. Und auf einmal geht vairagya – das Loslassen – ganz leicht: Keller, Speicher, Arbeitszimmer, Kleiderschränke werden leer geräumt. Das, was vorher lange festgehalten wurde, wird entsorgt und es gibt Schlangen an den Betriebshöfen, volle Müllcontainer. Wir erleben gerade einen Prozess hin zum Wesentlichen, zu dem, was einen Wert und eine Bedeutung für uns hat. Man spürt, wie leicht man sich in einer solchen Umgebung fühlen und atmen kann. Und das paradoxerweise zur Zeit eines Virus, das das Atmen schwer macht. Wir erleben „weniger“ nicht als Einschränkung, sondern als Befreiung.
Wenn man sich vor Augen führt, wieviel Lebenszeit man damit zugebracht hat, das Geld für diesen ganzen Besitz zu verdienen, statt z. B. den Frühling zu genießen, bekommt der bewusste Konsum eine neue Bedeutung. Vielleicht hat uns dann raga, die Gier, nicht mehr im Griff, sondern umgekehrt wir raga. Vielleicht fällt uns das Loslassen, vairagya, deshalb jetzt so leicht, weil wir schon mehr verstanden haben, als uns bewusst ist. Vielleicht füllt unser tiefes Bedürfnis nach echtem Leben und nach Freiheit schon den Raum, der durch die Umstände entsteht.
Was können wir aus dieser Zeit mitnehmen?
Das Haben-Wollen und Festhalten (raga), um Angst (abhinivesa) zu vermeiden, ist nicht mehr nötig, denn die Täuschung (avidya), dass Besitz Sicherheit garantiert, löst sich auf.
Wenn wir wieder mit uns und allem eins (drasta) sind, dann brauchen wir keinen Besitz, um unser Gefühl von innerer Leere oder Einsamkeit zu kompensieren. Das ist kaivalya, Freiheit.