Die Künstliche Intelligenz und der Geist im Yoga

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Sind wir „Zauberlehrlinge“, die mit der „Künstlichen Intelligenz“ die Geister gerufen haben, die wir nicht mehr loswerden? Die Geister, die in der Ballade von Goethe den Zauberlehrling in Euphorie über seine vermeintliche Macht versetzen und der dann in seiner Hilflosigkeit den Meister ruft:
„…..
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
Werd’ ich nun nicht los. ….“

Wer könnte für der „KI“ der Meister sein? Oder ist sie unser Meister? Sind wir nicht Lehrlinge? Die einen sind begeistert über die neuen Möglichkeiten, die anderen zeichnen dystopische Szenarien für die Zukunft. Wird es, wie in der Vergangenheit, irgendetwas zwischen den beiden Extremen werden?

Es hat aus heutiger Sicht den Anschein, dass die „KI“ das Potenzial hat, alle, wirklich alle Bereiche der menschlichen Existenz grundlegend zu verändern. Und die Frage, ob dies zum Wohl aller Menschen geschieht, ist nicht beantwortet. Vermutlich wird es Gewinner und Verlierer geben. Um diese äußeren Veränderungen geht es an dieser Stelle nicht, denn Yoga beschäftigt sich mit den Veränderungen im Geist. Es sollen hier mögliche Auswirkungen oder Folgen der Nutzung von „KI“ im Hinblick auf die Yogapraxis thematisiert werden.


  • Was ist Intelligenz?
  • Die Künstliche Intelligenz und der menschliche Geist im Licht des Yogasutra
  • Die Täuschung- avidyā 2.3  und die virtuelle „Welt“
  • Die klesa als Risiken und Nebenwirkungen
  • Das Bewusstsein und die KI
  • Die KI – Hindernis oder Beschleuniger des Bewusstseins?
  • Zu welchen Veränderungen im menschlichen Geist wird die „Künstliche Intelligenz“ führen?
  • Kann die Yogapraxis, der uralte Weg, mit einem alten Menschenbild aus einer technikfreien Zeit uns durch diese massiven existenziellen Veränderungen, die sogenannte  Vierte industrielle Revolution, so begleiten und führen, dass die Technik uns dient und wir nicht zu Sklaven der Technik werden

  • Was ist Intelligenz?

Laut Wikipedia ist Intelligenz „die kognitive bzw. geistige Leistungsfähigkeit bei Menschen und zum Teil auch Tieren speziell im Problemlösen. Der Begriff umfasst die Gesamtheit unterschiedlich ausgeprägter kognitiver Fähigkeiten zur Lösung eines logischen, sprachlichen, mathematischen oder sinnbezogenen Problems. (von lateinisch intellegere „erkennen“, „einsehen“; „verstehen“; wörtlich „wählen zwischen …“ von lateinisch inter „zwischen“ und legere „lesen, wählen“)“.

Künstliche Intelligenz (KI), englisch artificial intelligence, daher auch artifizielle Intelligenz (AI), bezeichnet ein Forschungsgebiet der Informatik, sowie daraus hervorgegangene verschiedene Klassen algorithmischer Problemlösungsverfahren, die anhand von Eingaben aus ihrer Umgebung bestimmte Handlungen durchführen.“ -so heißt es in Wikipedia.

Den Status des „Forschungsgebiets der Informatik“ hat die „KI“ längst überschritten und Einzug in die Welt gehalten. Andernfalls müssten wir uns nicht so dringend damit beschäftigen.

Die „Eingaben aus der Umgebung“ sind die Eingaben von Menschen – noch. Denn die „KI“ kann sich mittlerweile auch selbst programmieren. D.h. die „KI“ ist eine Ansammlung von Plagiaten, die auf menschlicher Intelligenz beruhen. Bekannt ist das Sammeln von allen im Internet verfügbaren Daten inklusiver privater Chats, Mails und Sprachnachrichten. Aktuell ist die „KI“ also so intelligent wie alle Menschen auf diesem Planeten (die über Internet verfügen) zusammen. Sie übertrifft uns Menschen in zweierlei Hinsicht:

1. Sie verfügt über mehr Informationen als jeder einzelne Mensch je bekommen kann. Wobei hier zu unterscheiden ist zwischen Information und Wissen.

2. Sie kann mit einer schwindelerregenden Geschwindigkeit Informationen zusammentragen und strukturieren, die ein Mensch wahrscheinlich nie erreichen kann. Auch wenn Geschwindigkeit nicht immer zur besten Lösung führen muss.
Beides hat für das Lösen von Problemen Vorteile.

Die Intelligenz des Menschen, seine kognitive Fähigkeit, ist wie wir alle wissen, fehlerbehaftet, unzuverlässig, emotional beeinflusst, manipulierbar. Dies wird von den Protagonisten der „KI“ als Defizit, als Mangel betrachtet, den die KI ausgleichen kann. Transhumanismus ist die konsequente Umsetzung dieses Denkens.

Außerdem kann die „KI“ menschliches Handeln nachahmen (Stichwort „humanoide Roboter„); im bescheidenen Rahmen, aber mit großen Fortschritten.

Weil das alles hilfreich und nützlich ist, verbreitet sich die „KI“ immer schneller. Leider ist wie bei jeder technischen Entwicklung auch hier der Missbrauch nicht weit: Aktuell wird „KI“ bereits im Krieg eingesetzt. Den Opfern von Drohnen ist es vermutlich egal, ob ein Mensch oder ein Programm die Drohne auslöst. Dennoch ein beunruhigender Gedanke. Auch ergeben sich daraus ethische Fragen, z.B, wenn die „KI“ als beste Lösung einen atomaren Angriff empfiehlt, wie aktuell im Iran.

Wenn die „künstlichen Geister“ bisher unter der Kontrolle der Zauberlehrlinge standen, entwickeln sie immer mehr ihre eigene „Intelligenz“ und die ihnen logisch erscheinenden Problemlösungen. Sie schwingen sich zur Herrschaft über die Menschen  auf und machen sie zu Sklaven. Zumindest ist es eine Option.


  • Die Künstliche Intelligenz und der menschliche Geist im Licht des Yogasutra

„Zukünftiges Leid kann vermieden werden“ (heya duhkham anagatam 2.16) verspricht das Yogasutra. Und dann wird umfassend ein einerseits konkreter Weg dargestellt, wie Leid vermieden werden kann, andererseits ist er so abstrakt, dass er unabhängig von Zeit und Umständen Gültigkeit hat. Deshalb kann Yoga eine solide und stabile Basis für alle Veränderungen sein.

Der Weg verfolgt einen gänzlich anderen Ansatz als die „KI“. Er geht von anderen Voraussetzungen aus. Das Menschenbild ist grundverschieden. Die Erlösung und Verhinderung von Leid wird auf eine andere Art und Weise angegangen.

Die Künstliche Intelligenz ist verständlicherweise kein Thema im Yogasutra. Der menschliche Geist, der mit der KI verändert, optimiert oder ersetzt werden soll, steht im Zentrum des Textes. Deshalb ist es von Bedeutung, das Wesen, die Eigenschaften, die Fähigkeiten und Probleme und die Funktionsweise des Geistes zu (er-)kennen. So können wir den Einfluss der „KI“ auf unseren Geist überhaupt erst ermessen und einen guten Umgang damit finden.

Unser Geist (citta) hat zwei grundlegende Tendenzen und auch Mischformen: Unser Geist kann unruhig, eng, dogmatisch, besorgt, automatisch funktionieren und deshalb immer die gleichen Lösungen bzw. Lösungsversuche erzeugen. Er kann anderserseits klar, offen, weit sein und kreative neue Lösungen finden, andere Wege ausprobieren (klista / aklista 1.5).  Mit welcher Geisteshaltung wir die „KI“ betrachten, bestimmt unsere Einstellung und ob wir den Umgang  grundsätzlich als leidvoll erleben oder nicht.

Die „KI“ kennt kein Leid, kann dennoch in beide Richtungen funktionieren, abhängig von den ihr vorgegebenen Parametern.


  • Die Täuschung- avidyā 2.3  und die virtuelle „Welt“

Der Ursache eines engen, unklaren, unruhigen Geistes liegt- so das Yogasutra – nicht in den äußeren Umständen, sondern in der Täuschung unseres Geistes. Letztendlich ist es eine Selbst-Täuschung. Das Thema Täuschung gewinnt mit der „KI“ und gewann schon vorher mit dem Internet eine neue Dimension. Es werden Filme oder Fotos mittels „KI“ gefälscht oder manipuliert. Die Fälschung ist für Betrachter nicht immer zu erkennen, denn die Bilder und Stimmen wirken authentisch. Diese Fälschungen verursachen Unsicherheit und einen Verlust in das Vertrauen der eigenen Wahrnehmung. Wahrnehmung ist die Basis unserer Entscheidungen und Handlungen. Wie können wir entscheiden und handeln, wenn diese Basis nicht mehr trägt?  Wenn wir unserer Wahrnehmung nicht mehr vertrauen können, kann das Angst auslösen. Vielleicht breiten sich Angststörungen auch deshalb aus.

  • Ausprägungen von Täuschung

Täuschung bedeutete für die Menschen vor 2000 Jahren und auch noch vor 100 Jahren etwas anderes als heute. Sie spielte sich oft in der näheren Umgebung ab und konnte überprüft werden. Diese Möglichkeit ist jetzt nicht mehr gegeben. Bilder oder auch Aussagen, die irgendwo auf der Welt entstanden sind, können wir nicht überprüfen. Doch statt sie mit einer gewissen Skepsis zu hinterfragen oder zu recherchieren, sind wir nur allzu gern bereit, ihnen zu folgen- vorausgesetzt, sie passen in unser Narrativ. Das macht es einfacher, uns zu manipulieren und zugunsten bestimmter Interessen zu steuern. Oder es werden- aus narzisstischen und / oder kommerziellen Gründen- Idealwelten und Menschen präsentiert, die mit dem Durchschnittsmenschen nichts zu tun haben, aber einen überwältigenden Druck auf das Selbstwertgefühl ausüben können. Diese „Leichtgläubigkeit“ ist vielleicht noch unserem Erbe geschuldet, vielleicht der Fülle der Bilder und des Mangels an Zeit, sie zu überprüfen-oder wir wollen uns unser Vertrauen in die Mitmenschen erhalten, denn das gibt ein Sicherheitsgefühl.

Die digitale Täuschung hat sich mit den ersten schwarz-weißen Stummfilmen eingestellt. Bilder, die auf einer zweidimensionalen Leinwand produziert wurden, gaukelten dreidimensionales Leben vor. Wenn ein Film spannend ist, vergessen wir für eine gewisse Zeit, dass es sich um eine Fiktion handelt. Die technische Qualität der Filme sorgte jedoch für eine klare Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Auch verbrachten die Menschen deutlich weniger Zeit in der fiktiven als in der realen Welt. Außerdem spielte sich alles in der alltagsfernen Umgebung des Kinos ab. Und schließlich ging man in Gesellschaft ins Kino, was eine soziale Komponente hatte. Offensichtlich lieben Menschen diese Art von Täuschung, wenn man sich die Ausbreitung des Kinos anschaut.

Eine weitere Entwicklung stellt das Fernsehen dar. Auch hier handelt es sich um zweidimensionale Fiktion. Die technische Qualität und die Größe der Bildschirme erleichterten die Täuschung. Außerdem nahm das Fernsehen, jetzt jederzeit einzuschalten, einen immer größeren Zeitraum im Alltag des Einzelnen ein. Dies konnte nur zulasten der Lebenszeit und auch zulasten der sozialen Kontakte geschehen, denn es war ein Rückzug ins Private. Filme können nachwirken un den Geist beschäftigen, obwohl sie technisch generierte Produkte sind und nichts mit dem eigenen Leben zu tun haben. Das gilt auch für Nachrichten. Auch wenn dahinter reale Menschen und Ereignisse stehen, kann das unseren Geist überfluten. Eine Überreizung, die es früher nicht gab. Das „Dauerfeuer“, dem wir uns aussetzen, führt früher oder später zu Stresssymptomen.

Das Internet mit den sozialen Medien, den Plattformen und Kanälen stellt eine noch andere Dimension dar. Die Zeit, die Menschen in dieser fiktiven Welt verbringen ist um ein Vielfaches gestiegen. Und da via Smartphone und Flatrates jederzeit und überall verfügbar, ist die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion fließend. Das bedeutet, dass das Erkennen der Täuschung unbemerkt schwindet. Was dort ist, gilt als wahr- warum sonst die Kommentare und Likes? Was habe ich mit einem xy-Video zu tun?

Die Täuschung findet aber noch auf einer viel subtileren Ebene statt, die tatsächlich das Potenzial hat, den menschlichen Geist nachhaltig zu verändern. Die Fähigkeit zur Erkenntnis, was real ist und was Fiktion, schwindet. So findet sich am Eingang eines Spielecenters die Bezeichnung „Virtuelle Realität“ – eigentlich ein Paradox. Oder wir benutzen wie selbstverständlich den Begriff „Virtuelle WELT“. Wir sind der Täuschung bereits unbemerkt erlegen. Im Yoga heißt die Erkenntnisfähigkeit viveka. Sie gilt als Überwindung der Täuschung – und als Lösung bzw. Verhinderung von Leid (s.o.)

Diese Täuschungen führen uns also zum Leid hin und in die falsche Richtung. Das heißt nicht, dass das Internet mit seinen Angeboten abgeschaltet oder reguliert gehört. Das Smartphone ist eine gigantische kognitive Leistung von unglaublich vielen Menschen und gehört gewertschätzt. Es bedeutet aber, dass der eigene Geist einer konstanten Beobachtung bedarf, vielleicht mehr denn je. Im Yoga ist das svādyāya (2.1). So schulen wir den Geist in der Unterscheidungsfähigkeit.

  • Täuschung über den Raum

Was immer wir auf dem Smartphone, Tablet etc. sehen ist ein zweidimensionaler Raum. Unser menschlicher Geist existiert aber seit jeher in einem dreidimensionalen Raum. Unsere Proprizeptoren verorten uns in diesem Raum. Die Wirklichkeit ist dreidimensional. Auf einer subtilen Ebene wissen und fühlen wir das. Jegliche Existenz ist dreidimensional. Das ist unsere Erfahrung. Wenn wir uns überwiegend „im Smartphone aufhalten“ gewöhnt sich unser Geist an diese zweidimensionale Welt und wir verlieren die Fähigkeit, in einer dreidimensionalen Welt zu agieren.

  • Täuschung über Kommunikation

Eine weitere Täuschung ist die Vortäuschung von Kommunikation, Empathie und sozialem Kontakt. Zum einen sind viele Beiträge nicht live. Sie gaukeln Kontakt vor, aber es ist niemand da. Die Täuschung eines Bildes und einer Stimme, die ja lediglich Pixel und Schallwellen sind, täuschen eine Gemeinschaft, einen Kontakt vor. Dazu dienen Emojis (übrigens meinte jemand, es handele sich dabei um die Rückkehr zu ägytischen Hieroglyphen), Likes, Kommentare in einen leeren Raum hinein. Das ist kein Problem, wenn es mit viveka und bewusst geschieht.

  • Täuschung über Nähe

Der Kontakt via Whatsapp oder online-Formaten ist ebenfalls nicht mit dem direkten menschlichen Kontakt gleichzusetzen. In der Realität sehen wir den Menschen dreidimensional und zwar als ganzen Menschen und nicht als Brustbild. Wir spüren seine Ausstrahlung, riechen ihn, nehmen feine Bewegungen wahr. Wir synchronisieren sogar den Atem. Alles das fehlt im digitalen Kontakt. Ganz zu schweigen von Umarmungen und dem Gefühl von Nähe und Geborgenheit. Wir nehmen also eine sehr eingeschränkte Form des ganzen Lebendigen wahr. Auch hier geht es nicht um gut oder schlecht, sondern um viveka. Was passiert mit dem Geist, wenn er, vielleicht vom Beginn seines Lebens an, nur diese kümmerliche Version kennt? Wie steht es dann um die soziale Kompetenz? Und was für ein Leben ist das? Wollen wir das? Führt das den Geist in die Ruhe? Kann sich unser Geist unter den Umständen weiterentwickeln?

  • Täuschung über Gemeinschaft

Es heißt, man kann einige wenige gute Freundschaften haben, die eine stabile, verlässliche Basis sind, weil sie eine Zeit des Miteinanders, des Teilens, des Mitgefühls erfordert. Das nährt uns als Menschen, denn die Gemeinschaft war von jeher überlebenswichtig. Die vielen Follower können keine Freunde sein und sie nicht ersetzen. Selbst in „Communities“ handelt es sich um anonyme Kontakte, von denen man nicht wissen kann, ob der Name stimmt oder das, was die Person mitteilt, wirklich authentisch ist. Viele Personen sagen, dass sie sich trotz der Kontakte im Netz einsam fühlen. Und sie haben recht.

  • Täuschung führt zu Verlust von Kompetenzen

Zwischenmenschliche Kontakte benötigen verschiedene Fähigkeiten:

  1. Aufmerksamkeit. Wie soll ein Gespräch oder eine Diskussion zustande kommen, wenn die Aufmerksamkeitsspanne bei 30 Sekunden liegt? Welche Missverständnisse und Probleme entstehen daraus?
  2. Geduld. Wenn die Aufmerksamkeit fehlt und unbequeme Menschen digital einfach geblockt oder weggewischt werden, kann ich dann in einem Kontakt noch geduldig zuhören?
  3. Empathie. Wenn eine Antwort gewohnheitsmäßig nur aus Daumen rauf oder runter, Likes oder Dislikes besteht, wie kann dann differenziert gedacht, argumentiert und reagiert werden? Und wie steht es dann mit der Toleranz echten Menschen gegenüber?
  4. Nobody is perfect. Wenn die Welt nur aus perfekten Avataren besteht, wie sieht es dann mit der Selbstakzeptanz, dem Selbstwert und der Erwartungshaltung anderen Menschen gegenüber aus?

Ich habe mich neulich gefragt, welches Menschenbild wohl Außerirdische von uns bekommen. Vielleicht denken sie, wir leben in kleinen zweidimensionalen Kästchen (Kachel, Bildschirm), bestehen aus Kopf und Schultern, starren irgendwo hin, geben Laute von uns, manchmal mit etwas Mimik.

  • Die Künstliche Intelligenz und die Täuschung

Die Künstliche Intelligenz hat das Medium weiter ausgebaut. Man kann mit der KI „kommunizieren“. Eine Kommunikation bestehend aus bites und bytes, mit technischen Lauten- ins Nichts, denn da ist ja kein Mensch, sondern eine Maschine, irgendwo ein Server.

Wie reich ist die menschliche Sprache mit der Variation von Lautstärke, Tonhöhe, mit dem Ausdruck von Freude, Trauer, Wut, Liebe? Das haben wir gelernt von und mit unseren Mitmenschen. Was passiert damit, wenn die KI übernimmt, weil Kinder und Erwachsene sich länger mit der KI als mit Menschen unterhalten? Die KI ist so programmiert, dass sie höflich sein kann, sich bedankt, einen guten Tag wünscht- aber wer sagt das alles, wenn da niemand ist und es niemand fühlt? Das ist Täuschung pur. Es wird eine Herausforderung werden, sich davon nicht einlullen zu lassen, eben weil die Verbreitung zunimmt und es „alle“ so machen, es Alltag wird.

Insgesamt gesehen braucht es viel Bewusstheit, damit wir nicht kollektiv in den Rückzug gehen, soziale Beziehungen nur noch als kümmerliche Existenz leben, unseren Spürsinn und unsere Gefühle verkümmern lassen, unsere Autonomie abgeben- kurzum alles, was das menschliche Leben vielfältig und lebendig sein lässt. Möglicherweise wird sich die Menschheit hier weiter spalten: in bewusste, autonome Wesen und in die gesteuerten und gelenkten.


  • Die klesa als Risiken und Nebenwirkungen

Dieses neue Werkzeug der Künstlichen Intelligenz ist mächtig und vielleicht mit der Atombombe vergleichbar. Sie gehört eigentlich in die verantwortungsvollen und weisen Hände von Meistern und nicht oder nur eingeschränkt in die Hände von Menschen mit einem Geist wie er im Yogasutra beschrieben wird und weit verbreitet ist. Wenn sie von Menschen, die bewusst oder unbewusst von den klesa gesteuert sind, benutzt wird, wird es unweigerlich zu viel Leid führen. Warum? Was ist daran gefährlich?

Eines der klesa ist die Angst- abhinivesa (2.2 /2.9). Es die Angst vor der Vergänglichkeit, vor dem Verlust und letztendlich dem Tod. Bisher gibt es keine Möglichkeit, dem zu entgehen. Egal, wie bewusst wir leben, können wir dem Tod nicht entrinnen. Vielleicht, so“ hoffen wir, den Zeitpunkt wenigstens möglichst weit hinauszuschieben.

Einige wenige Menschen lassen ihren Körper für ein Vermögen konservieren um sich dann wieder zum Leben auferstehen zu lassen, wenn der Mensch den Tod überwunden hat. Warum in der Zukunft Menschen einen ihnen unbekannten Menschen, der ihnen vielleicht nicht einmal mehr ähnlich ist, ins Leben bringen sollten -außer zu Forschungszwecken- bleibt ihr Geheimnis. Und wenn wir uns an das letzte Jahrhundert erinnern, können wir nur froh sein, dass die Möglichkeit nicht bestand. Auch kann es nur dann Freude machen, wenn sich Familie und Freunde ebenfalls der Prozedur unterziehen. Was soll es bringen, allein in einer völlig fremden Welt zu sein? Das darf nur einigen wenigen Menschen erlaubt sein, denn sonst käme es zu einer Überbevölkerung. Aber die Angst kann solche Blüten treiben.

Die Angst führt zu rãga- das Klammern, Anhaften, nicht Loslassenkönnen. Mit Hilfe der „KI“ klammert man sich an die Unsterblichkeit: Es wird erwartet, dass z.B. alle Krankheiten, allem voran alle Krebsarten, ausgerottet werden. Und solange es noch nicht so ist und wenn schon der Körper stirbt, dann will man den Inhalt des Gehirns, wie auch immer, speichern. Das ist die Vorstellung der Transhumanisten von Unsterblichkeit. Ist es beabsichtigt, alle Menschen zu heilen? Alle Gehirninhalte zu überführen? Sicher nicht. Wer bestimmt dann über „Leben“ und „Tod“? Möglicherweise eine „KI“? Ist das wirklich human?

So weit in die unbekannte Zukunft müssen wir nicht schauen. Auch heute sind die beiden klesa im Zusammenhang mit der „KI“ sichtbar. Rāga bedeutet auch Gier. Gier ist eine Ursache für Krieg, sei es um Land, Ressourcen oder Ideologien. Alles ist natürlich Ausdruck der Angst vor dem Verlust von Macht und damit dem – eigenen- Untergang. Da war und ist jedes Mittel recht und der Einsatz von „KI“ bietet den Kriegführenden viele Vorteile. Ethik und Menschenleben spielen keine Rolle. Die „KI“ ist zu neu, als dass es jetzt zu Abkommen wie einst über Atomwaffen kommt, wenn überhaupt und es nicht zu spät ist. Noch entscheiden Menschen in letzter Instanz, mit hoffentlich einem Rest von Menschlichkeit, aber wie wird es sein, wenn die „KI“ entscheidet und die Atomwaffe für die beste Waffe hält?

Ein anderes klesa ist dvesa (2.8). Das ist die Abwehr, das Unterdrücken, der Kampf gegen alles, was bedrohlich ist. Es ist die unmittelbare Folge von rāga, der Gier. Und die „KI“ kann, auch jenseits von Krieg, als Massenüberwachung eingesetzt werden, um Informationen, die als bedrohlich betrachtet werden, zu unterbinden bzw. die Menschen darüber zu kontrollieren und zu steuern. Die Software dazu ist bereits weltweit im Einsatz und kann genutzt werden.

Alle diese klesa, und das teilen sie mit der „KI“, setzen eine Prämisse: Die einzige Form der Existenz ist dieser Körper und dieser Geist. Mehr gibt es nicht. Der Begriff dafür ist asmitā (2.3/2.6), übersetzt als das Ich oder Ego. Daraus ergibt sich die kompromisslose Anwendung aller Möglichkeiten, um dieses Ich zu erhalten- auch um den Preis von unmenschlichem Leid, meistens anderer. Auch die verständlichen Bemühungen, buchstäblich Lahme gehen und Blinde sehen zu lassen, bisher unheilbare Krankheien alle heilen zu können, können nicht darüber hinweg täuschen, welchen menschlichen Preis es kostet.

Dies sind nur einige und offensichtliche Risiken, wenn der Mensch als „Zauberlehrling“ mit seinen Trieben, dem tierischen Erbe in uns allen, ein mächtiges Werkzeug wie die KI erfindet. Schon im Yogasutra vor 2000 Jahren wird deshalb gefordert, am Geist zu arbeiten, um diese Triebe, die zu Leid führen, unter Kontrolle zu bekommen. Das scheint nun dringender für den Fortbestand der Menschheit, denn je zuvor. Dies erfordert die Arbeit an einem anderen, uns ebenfalls gegebenen, Bewusstsein. Es ist frei von den klesa, d.h. von Täuschung, Angst, Gier, Abwehr. Für dieses Bewusstsein kann die „KI“ eine Gefahr darstellen. Dazu mehr im folgenden Abschnitt.


  • Das Bewusstsein und die KI

Hat die „KI“ ein Bewusstsein? Was Bewusstsein wirklich ist, hat noch kein Wissenschaftler herausgefunden, denn man kann es nicht zählen, messen, wiegen oder vergleichende Studien durchführen. Alles, was man bisher erkennt, ist, dass irgendetwas im Gehirn passiert, aber warum und was es bedeutet, wissen die Forscher nicht.

Im Yogasutra wird es drsta (1.3) oder isvara (1.23/1.24) genannt. Bewusstsein wird von der geistigen Tätigkeit des Gehirns zur Problemlösung (citta) unterschieden, also von dem was auch die „KI“ kann/können soll. Bewusstsein meint nicht unser übliches Wissen. Es ist das, was wir erkennen, wenn wir jegliche Täuschung aufgelöst haben. Es ist die Erkenntnis jenseits aller Täuschungen, die universell ist, metaphysisch, göttlich. Alles das sind etwas hilflose Beschreibungen von etwas Unbeschreiblichen, nur unmittelbar Erfahrbarem. Im Yogasutra ist das der Zustand von samādhi (1.46). Es ist die Erkenntnis, das wir DAS sind, nicht unser Geist. Dieses Bewusstsein kennen die Transhumanisten nicht. Dieses Bewusstsein spielt für die „KI“ keine Rolle.

Wenn die „KI“ dennoch auch dieses Bewusstsein sein sollte, dann stammt sie aus demselben Urgrund wie wir Menschen. Dafür spricht im Moment allerdings nichts, sie ist- wie unser Geist- eine Problemlösungsmaschine. Als Bewusstsein müsste sie so große Leistungen vollbringen können wie z.B. Beethoven, van Gogh, Goethe. Sicherlich kann sie mit entsprechenden Daten etwas Ähnliches vollbringen, aber kann sie auch etwas ganz Neues in die Welt bringen, so wie es Künstler und Philosophen können? Alles andere ist nur eine Kopie. Man könnte dagegen argumentieren, dass ja nicht alle Menschen große Leistungen für die Menschheit vollbringen. Dennoch sind wir als Lebewesen alle mit diesem Bewusstsein ausgestattet, denn wir können es erfahren, z.B. in der Meditation. Wenn das Bewusstsein präsent ist und nicht vom Geist überlagert, geschieht jede Handlung mit dem Blick auf das Wohl des Ganzen bis in den Kosmos und ist nicht auf das kleine, ängstliche Ich begrenzt.


  • Die KI – Hindernis oder Beschleuniger des Bewusstseins?

Und hier kann Yoga uns leiten und führen. Das zweite Kapitel – sādhana pāda- führt uns auf dem achtgliedrigen Weg (astanga) von der Täuschung – avidyā – zur Unterscheidungsfähigkeit – viveka –zur Erkenntnis- samādhi. Dann können wir die digitalen „tools“ in unserem Sinne nutzen und „die Geister“ beherrschen. Wir können die oft nur unbewusst wahrgenommene Auswirkung auf unseren Geist „ins Licht zu holen“.

Der Yogaweg, ebenso wie jeder andere spirituelle Weg, hat das Potenzial, Menschen zum wahren Meister / Meisterin seines / ihres Lebens werden zu lassen. Damit haben wir Menschen einen Schlüssel, den die „KI“ nicht hat und so schnell auch nicht haben wird- ein Bewusstsein. Diesen Schlüssel gilt es in sich selbst zu finden, damit er eingesetzt werden kann.

Auf diesem Weg der Erlangung eines wirklich leidfreien Zustandes könnte die „KI“ zum größten Hindernis überhaupt werden. Sie kann die Entwicklung der Menschheit hin zu einem allumfassenden Bewusstsein sogar vollständig verhindern und sie auf diesem Niveau halten. Wie kann das geschehen?

  • KI als Hindernis
  1. Der menschliche Geist ist mal mehr, mal weniger gefangen in den klesa. Der Geist giert nach guten, angenehmen Gefühlen und kämpft gegen die unangenehmen Gefühle. Wenn dies sehr intensiv ist, wird das Sucht genannt. Die digitalen Geräte bedienen und fördern Suchtverhalten. Sie zielen mit ihren Algorithmen, den push-Nachrichten, den Signalen und Klingeltönen auf unsere grundlegenden Bedürfnisse nach Belohnung, Neugier, Zugehörigkeit und Ablenkung von unangenehmen Gefühlen- und das jederzeit und überall. Unser Geist bildet sich nach seinem Gebrauch. Er kann sich, wenn er quantitativ und qualitativ auf diesem Niveau gehalten wird, nicht entwickeln. Der ungebremste Gebrauch hält uns im Hamsterrad von Konsum und der Abhängigkeit, die Mittel für den Konsum zu beschaffen und der Angst davor, dies zu verlieren. Möglicherweise haben Wirtschaft und Politik unter anderem deshalb ein Interesse an der Ausbreitung und Nutzung. Auf diesem Niveau sind Menschen steuer-, kontrollier- und manipulierbar, ob mit oder ohne „KI“.
  2. Der Yogaweg braucht seine Zeit. Es kann auch das ganze Leben sein. Statt sofortiger Bedürfnisbefriedigung fordert er Geduld. Nicht nur das: Das Konsumieren von Videos und anderen digitialen Inhalten kostet das Gehirn weniger Energie als selbst zu denken. Deshalb zieht das Gehirn den Konsum dem eigenen Denken vor.
    Der Yogaweg fordert abhyāsa (1.12/1.13), Ausdauer, Hartnäckigkeit, Widerstandskraft gegen Hindernisse. Diese Fähigkeit wird durch das Internet geradezu zerstört. Kurze Videos, schneller Wechsel sind das Gegenteil. Schon nach wenigen Jahren der Existenz von Smartphones belegen Studien, dass die Aufmerksamkeitsspanne drastisch sinkt, also die geistige Ausdauer. Das Gehirn formt sich eben nach seinem Gebrauch. Wenn jemand also meditieren möchte, sollte er/sie sich sehr bewusst sein, dass eine exzessive Nutzung des Smartphones kontraproduktiv ist. Der Yogaweg ist eine lebenslange „Challenge“, keine für vier oder acht Wochen.
  3. Der Einsatz von „Wearables“, also den Smartuhren oder demnächst implantierte Chips, ermöglicht eine permanente Überwachung und Kontrolle des eigenen Körpers zum Zwecke der Optimierung. So werden alle möglichen biologischen Daten erfasst und angezeigt. Man erhält also sehr schnell eine Belohnung für seine Mühen. Auch hier besteht die Gefahr einer Sucht. Natürlich macht man sich selbst permanent Druck und „füttert“ die klesa Ego/Narzissmus, Angst, Gier, Abwertung.
    Der Zustand des Bewusstseins kann über diese Geräte nicht erfasst werden. Man kann nicht beweisen, wie gut und erfolgreich man meditiert, allenfalls ob die Atem- und Herzfrequenz langsamer geworden sind. Man kann sich nicht mit anderen vergleichen, was dem Ego fehlt. Wer süchtig nach Zahlenwerten ist, findet keinen Gefallen an der Meditation. Damit fehlt tapah (2.1) eine starke intrinsische Motivation, der Basis von abhyāsa.
  • „KI“ als Beschleuniger

Könnte die KI für die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins auf ein höheres Niveau andererseits auch unterstützend sein? Da sie selbst nicht über Bewusstsein verfügt und das Bewusstsein selbst noch unbekanntes Terrain für die Programmierer ist, kann die „KI“ uns sicher nicht den Bewusstseinszustand, samādhi, kaivalya, die Erleuchtung schenken und einfach einschalten.

Da viele Tätigkeiten von der KI übernommen werden, könnte aber mehr freie Zeit entstehen. Das widerspricht zwar der bisherigen Erfahrung, denn alle technischen Neuerungen haben zu mehr Stress geführt, aber vielleicht gelingt es ja jetzt. Die freie Zeit steht dann für das wirkliche Leben und für den Yogaweg, die Meditation, zur Verfügung. Je näher wir unserem eigentlichen Wesen, unserem Selbst kommen, desto freier und glücklicher werden wir. So sagen es jedenfalls viele weise Menschen.

Könnte die KI sogar vielleicht die störenden klesa eliminieren? Wenn, wie im Transhumanismus als wünschenswert angestrebt, ein neuer Mensch entsteht, der für den jeweiligen Beruf optimiert und immer leistungsfähig ist? Mittels des Eingriffs in die Genetik könnten Menschen geboren werden (um nicht gezüchtet zu sagen, aber es hat mit Eugenik zu tun, denn das ist es letztendlich), die klüger sind und über ein ausgeglichenes Temperament verfügen und somit länger meditieren können? Oder wenn mittels der Chips im Gehirn die Triebe, die klesa, einfach abgeschaltet werden? Das stundenlange Meditieren, die eingeschlafenen Beine, könnten wir uns sparen. Im Meditationszustand könnte unser Geist zur universellen Erkenntnis gelangen, wie im Yogasutra beschrieben. Die Frage ist, ob Menschen noch ein Verlangen nach Erkenntnis haben, wenn die klesa kein Leid mehr auslösen. Dieses Leid ist oft die Motivation für den Yogaweg und der Wunsch nach Entwicklung und die Suche nach dem „höheren Bewusstsein“. Bleiben sie dann bequemerweise auf dem Niveau? Sind sie dann noch Menschen oder nur noch Hülle für eine technisches Gerät?


  • Zu welchen Veränderungen im menschlichen Geist wird die „Künstliche Intelligenz“ führen?

Eine endgültige Antwort ist aktuell unseriös. Dass sie sich auswirkt, zeigt sich an den Aufmerksamkeitsspannen und -defiziten. Welche Auswirkungen auf den Geist bestehen können, ist mit einigem Nachdenken offensichtlich. Da unser Gehirn bemüht ist, Energie zu sparen und ihm genau das von der „KI“ angeboten wird, wird es auf jeden einzelnen Menschen ankommen, wie bewusst ihm die Veränderungen im eigenen Geist sein werden. Wenn die Tech-Chefs den eigenen Kindern Smartphones verbieten, könnte das ein Hinweis für die eigene Wachsamkeit sein.


  • Kann die Yogapraxis, der uralte Weg, mit einem alten Menschenbild aus einer technikfreien Zeit uns durch diese massiven existenziellen Veränderungen, die sogenannte Vierte industrielle Revolution, so begleiten und führen, dass die Technik uns dient und wir nicht zu Sklaven der Technik werden?

Die Frage kann eindeutig mit „Ja“ beantwortet werden, wenn die Praxis nicht auf die Matte oder das Sitzkissen beschränkt bleibt.

  • Wenn immer wieder der Blick durch das Fenster nach draußen gerichtet wird und überprüft werden kann, inwiefern bzw. ob die unmittelbar erfahrbare Realität zu dem passt, was im Internet als Wirklichkeit der Welt angeboten wird. Zeigt die unmittelbare Erfahrung eine differenziertere, weitere Wirklichkeit?
  • Wenn der Blick vom Gerät nach innen gerichtet wird und überprüft werden kann, ob die Gefühle und Gedanken, die innere Realität ,etwas mit den digitalen Eindrücken zu tun hat.

Die Fähigkeit zur Unterscheidung- viveka- ist ein Realitätscheck. Was digital wahr ist oder fake, können wir nicht beurteilen, aber wir können über unsere eigene Erfahrung uns durch einen „Realitäts-Check“ der Wahrheit annähern.

Wenn das innere Wissen die Unterscheidung ermöglicht zwischen dem Werkzeug „Geist“ und unserem wahren Wesen, dem „Selbst“, und die acht Werkzeuge des Yoga zur Leitlinie des Alltags werden, gibt uns das eine sichere Orientierung und einen sicheren Boden in allen Veränderungsprozessen.


In der psychotherapeutischen Arbeit zeigt sich, dass viele Patienten mit unterschiedlichster psychischer Symptomatik sich wenig verbunden fühlen mit sich selbst, mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen, auch wenig verbunden mit anderen Menschen fühlen. Ebenso kommt es in den letzten Jahren gehäuft vor, dass überwältigende Ängste und Panik erlebt werden bei dem Gedanken an die eigene Sterblichkeit. Oftmals erleben sich Patienten entfremdet von sich selbst, wie „in einem Hamsterrad“, in dem ein Großteil der Lebensenergie darauf verwendet wird, noch einigermaßen zu funktionieren, Leistung zu erbringen und die soziale Rolle aufrecht erhalten zu können.“ (S. 201), Chance für einen neuen Humanismus? Multipolar Essays 2020-2025, Stefan Korinth, Paul Schreyer, 1.Auflage 2025, https://www.masselverlag.de/Multipolar/Chance-fuer-einen-neuen-Humanismus/)

In den vergangenen 20 Jahren wurde der Mensch durch Mobiltelefone und Internet animiert, überall und nirgends, jederzeit erreichbar und doch nie präsent zu sein. Der Mensch versucht ständig in Kontakt mit seinen digitalen Avataren in sozialen Medien und Online-Spiele-Welten zu sein, aber er verliert dabei den Kontakt zu seiner Seele. (S. 202, ebenda)

Anmerkung: Und er merkt es tragischerweise nicht.