Die niyama YS 2.40

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(Am Ende des Textes gibt es eine Audiodatei mit den Sanskritbegriffen)

Die niyama (YS 2.40-2.45) sind das zweite Glied des achtgliedrigen Weges (astanga; as=acht/anga=Glieder) im zweiten Kapitel des Yogasutra (YS 2.29ff.).

Sādhana pāda – 2.Kapitel

Der achtgliedrige Weg wird in diesem Kapitel beschrieben. Es trägt die Überschrift sādhana pāda. Übersetzt bedeutet es „Der Weg des Übens“. In diesem Kapitel werden uns Möglichkeiten des praktischen Übens vorgestellt, wobei das praktische Üben über den Körper (āsana) hinausgeht und den Geist (Meditation) und die Psyche (prānāyāma) einbezieht. Nur wenn wir alle Bereiche verändern, kommen wir zum Ziel kaivalya, dem Bewusstseinszustand, in dem wir von der Notwendigkeit frei sind, immer wieder unser Leid zu wiederholen.
Das Üben dieser Glieder reduziert einerseits unsere Unruhe im Geist, so dass dann andererseits das klare Bewusstsein oder Wissen zunehmen kann. (YS 2.28)

Das Kapitel steht in Verbindung mit dem ersten sutra im ersten Kapitel, das uns in Yoga mit den Worten einführt, dass es des theoretischen Fundaments (anu) und der Praxis (āsanam) bedarf. Die Theorie erklärt uns, worum es bei diesem Weg geht, welches Ziel er hat und wie uns die Übungen dorthin führen. Wir können verstehen, warum wir was tun und was lassen sollten. Die Theorie bereitet den Boden. Wir üben nicht im „luftleeren“ Raum, sondern zielorientiert. So können die Übungen ihre Wirkung entfalten und bleiben nicht an der Oberfläche. Aber dann kommt es auf unsere Praxis, wie im zweiten Kapitel beschrieben, an. Denn Erkenntnisse sind nur tragfähig durch eigene Erfahrungen.


Der achtgliedrige Weg

  • Der achtgliedrige Weg besteht aus gleichberechtigten Gliedern. Es sind keine Stufen, die es nacheinander zu nehmen gilt.
  • Die Reihenfolge der anga hat eine Systematik, die grundsätzlich sinnvoll ist, aber individuell vielleicht nicht passt. So kann man z.B. bei dem dritten Glied, den asana, beginnen. Das kann für jemanden passen, der bisher keine Berührung mit Yoga hatte. Für diese Person ist der Zugang über den Körper leichter als über den Atem oder den Geist. Wichtig ist, dort nicht zu bleiben und nach und nach die anderen Glieder einzubeziehen.
  • Wie die yama gehören auch die niyama zu den geistig-psychischen Übungen.
  • Sie gehen den körperlichen und den Atemübungen voraus. Das ist kein Zufall. Die Reihenfolge unterstreicht die Bedeutung des Geistes für den Umgang mit dem Körper und dem Unbewussten, das wir mit dem Atem berühren.
    Die yama (YS 2.30ff.): Die Praxis sollte den Körper und die Psyche nicht verletzen (ahimsā) durch unseren Ehrgeiz oder weil wir uns mit anderen vergleichen. Wir sollten ehrlich mit uns sein und uns nichts vormachen, was unsere Grenzen und Möglichkeiten betrifft (satya). Wir sollten unsere Grenzen akzeptieren (aparigraha) und uns weniger von äußeren Sinneseindrücken und den daraus folgenden reflexhaftem Verhalten leiten lassen (brahmacharya). Wenn wir die yama und die niyama (u.a.) berücksichtigen, dann praktizieren wir yoga.

Das Konzept mit dem Grundlegenden, dem Nährboden zu beginnen, auf dem die folgenden Themen oder Schritte aufbauen, findet sich auch an verschiedenen anderen Stellen des Yogasutra („first things first“). Das erleichtert das Verstehen sowohl des ganzen Textes als auch einzelner Sutren. Beispiele:
1. Das erste Kapitel besteht aus einem Überblick über alle Themen des Yoga. Im zweiten Kapitel werden die Themen ausgeführt und es wird in die Praxis von Yoga eingeführt. Im dritten Kapitel werden die Auswirkungen und Ergebnisse der Praxis dargestellt. Das vierte Kapitel ist eine Vertiefung des Gesamten.
2. Das sutra über die Herzensqualitäten (bhāvana) – Liebe (maitri), Mitgefühl (karunā), Mitfreude (mudita), Verzeihen (upeksa) –  beginnt mit Liebe, auf der die anderen drei gedeihen bzw. die Aspekte von Liebe sind (YS 1.33).
3. Die klesa, die bewussten und unbewussten Auslöser für die Unruhe im Geist und Ursache für unser Leiden beginnen ebenfalls mit der Grundlage, dem Nährboden für die anderen klesa, mit avidyā, dem Irrtum, der Verwechselung, dem falschen Wissen, der Illusion. Die anderen klesa– Angst, Gier, Abwehr/Abneigung- beruhen darauf bzw. sind Ausdruck dieses Irrtums (YS 2.3).
4. Die yama (YS 2.30 ff) beginnen mit dem Thema ahimsa– Gewaltlosigkeit. Eine aggressionslose, gewaltfreie Haltung ist die Grundlage für bzw. drückt sich aus durch Ehrlichkeit (satya), Nichtstehlen (asteya), Enthaltsamkeit (brahmacharya) und Genügsamkeit (aparigraha).
5. Dieser Aufbau setzt sich mit den niyama fort: Sauca, die Reinheit – samtosha, die Zufriedenheit – tapas, die Askese – svādhyāya, das Studium und isvarapranidhāna, die Hingabe. So lauten die Übersetzungen, die der Erläuterung bedürfen.


Die niyama und die yama

Beide gehören zusammen und bilden die Grundlage für eine ethische Lebensweise und einen spirituellen Weg. Die Zuordnung der jeweils fünf Aspekte zu den yama oder niyama ist in den alten Schriften unterschiedlich, was für uns irritierend sein kann. In manchen Schriften fehlen sie ganz, weil sie als selbstverständlich gelten. Das Yogasutra weist uns jedoch auf die Bedeutung hin. Vielleicht waren sie auch für die Menschen zur damaligen Zeit nicht mehr ganz so selbstverständlich.

Während die fünf yama den Umgang mit der Welt betonen, geht es bei den fünf niyama um den Umgang mit der eigenen Person. Gleichzeitig entspringt die Art und Weise wie wir mit anderen umgehen unserer inneren Haltung und wir strahlen nach außen aus, wie wir mit uns selbst umgehen. Eine klare Trennung gibt es nicht. Sie spielt für die Praxis ohnehin keine Rolle.

Diese insgesamt zehn Begriffe werden in manchen Büchern mit den christlichen zehn Geboten verglichen. Auch diese stehen für eine ethische Lebensweise und es gibt Ähnlichkeiten. Das Ziel einer solchen Lebensweise ist jedoch grundverschieden und sollte nicht verwechselt oder vermischt werden:

  1. Die yama und niyama beschreiben einen inneren Zustand im Hier und Jetzt mit dem Ziel, den Geist zur Ruhe kommen zu lassen. Dann kommen wir in Kontakt mit dem innersten Zustand, der Wesen/Selbst/Licht, samādhi genannt wird. Es geht also im Yoga um unser gegenwärtiges Leben und unseren gegenwärtigen Zustand als Mensch mit diesem Geist und diesem Körper. Ob es weitere Existenzformen gibt, beispielsweise nach dem Tod, ist nicht das Thema des Yogasutra. Wenn von Wiedergeburt im Zusammenhang mit Yoga die Rede ist, handelt es sich um religiöse Schriften, wie die Bhagavādgita.
  2. Im Spiegel von yama und niyama betrachten wir nur uns selbst. Sie haben nicht die Funktion, sie anderen als Spiegel für ihr Verhalten vorzuhalten. Es geht hier um eine Innenschau im besten Sinne.
  3. Das Wort Regeln für die yama und niyama kann man verwenden. Dabei ist zu beachten, dass wir mit dem Wort „Regeln“ bestimmte Vorstellungen verbinden. Haben wir Regeln als autoritäre Begriffe kennengelernt, auch im Zusammenhang mit Strafen bei Nichteinhalten, übertragen wir diese Vorstellung vielleicht unbewusst auf unsere Herangehensweise an diese Themen im Yoga. Wurden uns Regeln und deren Sinn erklärt, übertragen wir dies. Unsere bisherigen Erfahrungen mit dem Begriff Regeln sollten wir also beobachten, wenn wir uns mit den Themen beschäftigen.
    Im Gegensatz zu Regeln, die uns einschränken, werden wir durch die yama und niyama frei von alten Gedanken-und Verhaltensmustern. Es geht nicht um Rituale. Es geht um das Kultivieren einer inneren Haltung, die das Befolgen von Regeln überflüssig macht. Zu Beginn der Praxis können sie Handlungsanweisungen sein. Sie sind jedoch erst dann verwirklicht, wenn sie durch eine neue geistige Haltung zum Ausdruck kommen. Erst wenn sie zu unserer tiefsten Überzeugung geworden sind, entfalten sie ihre Wirkung. Andernfalls können wir uns und anderen auch schaden.

Die niyama als Konzept

Wie auch die yama können die niyama nicht mit einem Wort erfasst werden. Vielmehr sind sie ein komplexes Konzept, dem wir uns in diesem und den folgenden Beiträgen nähern werden. Auch sind sie im Zusammenhang des ganzen Yogasutra zu sehen. Eine isolierte und auf einen einzigen Begriff reduzierte Betrachtung wird ihnen nicht gerecht, verfälscht den Sinn und kann in der Praxis schaden. Desweiteren sind sie auf unsere heutigen Lebensverhältnisse zu übertragen und gleichzeitig soll die Essenz der Aussagen erhalten bleiben.

Die fünf niyama sind: 1.sauca (Reinheit) 2.samtosha (Zufriedenheit) 3.tapas (Askese/Reinigung) 4.svādhyāya (Studium) 5.isvarapranidhāna (Hingabe).
Die niyama 3-5 finden sich bereits am Beginn des zweiten Kapitels (YS 2.1) und werden als kriyā yoga bezeichnet. Kriyā bedeutet sowohl handeln im Sinne von (Yoga-)Praxis als auch Reinigung(-sprozess).

Die niyama sind Impulse zum achtsamen Umgang mit uns selbst und unseren Energien im Alltag. Sie sind eine kontinuierliche Beziehungspflege zu uns selbst und eine Klärung unserer Beziehung zu unserem Selbst. Es geht dabei nicht um einen strengen, harten und rationalen Umgang oder gar um Verbote, sondern um einen wohlwollenden Umgang im Sinne der bhāvana (YS 1.33)-liebevoll, mitfühlend, verständnisvoll.
Und es ist ein Prozess des Loslassens, im Yogasutra 1.12/1.15 als vairāgya bezeichnet. In diesem Prozess lassen wir selbstschädigende Verhaltensmuster los und ersetzen sie durch eine den inneren Frieden fördernde Haltung.
Im Zusammenspiel mit den yama reinigen wir durch ein gewaltloses Leben unser Herz von Aggressionen. In dem wir ehrlich leben, reinigen wir den Geist von Illusionen. Indem wir unsere Begierden zügeln, enthaltsam leben, befreien wir uns von zwanghaften Gedanken. In einem genügsamen Zustand erleben wir Zufriedenheit und innere Ruhe.
So finden wir die oben beschriebene Logik des Aufbaus mit den yama, die den niyama vorausgehen, hier ebenfalls.

Die niyama bilden in diesem Sinne einen Verhaltensrahmen aus einem Bekenntnis zu uns selbst, das über die Selbstachtung zu einer Selbstverpflichtung führt. Ein nur rationaler Umgang mit den niyama reicht also nicht. Die niyama sollen uns helfen und dienen, nicht wir ihnen, indem wir uns formal nach ihnen verhalten.

Datei mit Aussprache der Sanskritbegriffe