Asana YS 2.46 und 2.47

Auf die yama (YS 2.30ff.) und niyama (YS 2.40ff) folgen auf dem achtgliedrigen Weg (astanga YS 2.29) die āsana. Sie und die Meditation sind uns aus Yogakursen und -seminaren vertraut, während die ersten beiden Glieder unbekannter sind.

Dieser Text beschäftigt sich mit folgenden Aspekten der āsana:
-Was sagt das Yogasutra über die āsana?
-Wie sind sie im Gesamtzusammenhang des Yogasutra zu sehen?
-Welche Aufgabe haben die āsana?
-Die āsana in der Hatha Yoga Pradipika
-Die Bedeutung der āsana für uns heute


Was sagt das Yogasutra über die āsana?

Es sagt konkret weniger als man vermuten würde angesichts des Raumes, die sie in Yogakursen einnehmen: Drei sutren beschreiben die āsana explizit. Die Aussagen sind grundsätzlicher Natur und nennen keine bestimmten Übungen. Im Vergleich dazu beschreibt das Yogasutra die yama und niyama, also die ersten beiden Glieder in 16 sutren. Daraus kann man schließen, dass der Körper oder die Körperertüchtigung im Yoga eine Rolle spielt, allerdings nicht die Hauptrolle.

Die drei sutren lauten:

YS 2.46: Die Haltung soll stabil/fest (sthira) und angenehm/entspannt (sukha) sein.
YS 2.47: Wenn die innere Haltung auf das Unendliche (ananta) ausgerichtet ist, wird die Haltung sowohl intensiv (prayatna) und als auch mühelos/entspannt/gelöst (saithilya).
YS 2.48: Daraus erwächst Widerstandskraft.

Das āsana als Meditationssitz

Die Silbe „as“ hat die Bedeutung Wurzel und wird mit Sitz übersetzt. Da die folgenden sutren den Prozess der Meditation beschreiben, wird āsana im Zusammenhang als Meditationssitz interpretiert. In einem späteren Kommentar zu diesen sutren nennt Shankara 12 Haltungen, die alle Sitzhaltungen sind. Möglicherweise wurden diese im Yogasutra nicht genannt, weil sie zu der Zeit den Schülern und Lehrern bekannt waren bzw. als bekannt vorausgesetzt wurden. Das Yogasutra ist ein kurz und knapp gehaltener Text und konzentriert sich auf die psycho-mentalen Aspekte des Yoga.

Die Beschreibung der āsana

Das Yogasutra beschreibt in den drei sutren einen inneren Zustand im āsana nicht eine äußere Form. Aus der inneren Haltung folgt die äußere. Oder anders ausgedrückt: Die psychisch-mentale Haltung bestimmt die körperliche Form. Wenn der Geist auf das Unendliche ausgerichtet ist kommen Stabilität (sthira), Kraft (prayatna) und Entspanntheit (sukha) in der Haltung zusammen (samāpatti).

Was ist dieses Unendliche? Einige Kommentare deuten es als den Atem, der unendlich fließt. Die Konzentration auf den Atem bringt die Gedanken zur Ruhe. Der Geist ist dann nicht mit Bewertungen-z.B. ob die Haltung richtig, perfekt oder gut genug ist, ob man einen guten Eindruck bzw. eine „gute Figur“ macht – oder mit Vergleichen (wer ist es besser?) beschäftigt. (Aus dem Grund gibt es in Yogaräumen übrigens keine Spiegel.) Dann kann auch der Körper zur Ruhe kommen, denn Bewertungen und Vergleiche führen zur Verspannung und zu einem Ungleichgewicht und Unruhe im Körper. Die Haltung wird durch den Fokus auf den Atem ruhig/stabil und leicht/angenehm. Stabilität und Entspanntheit sind keine Gegensätze, sondern sind gleichberechtigt. Die Haltung darf sogar intensiv, also kraftvoll (prayatna) sein.
Der Fokus auf das Unendliche kann auch als Hinweis auf einen meditativen Zustand verstanden werden.

Die Merkmale oder Kriterien ob eine Haltung ein āsana oder einfach eine Übung ist, sind Stabilität durch eine angemessene, notwendige Körperspannung und Kraft bei gleichzeitger Entspannung durch den inneren Fokus auf den Atem oder eine andere Meditation.

Eine derartige Yogapraxis führt zu Widerstandskraft gegen das Leid, das aus der Dualität des Lebens entsteht. Wir gewinnen Widerstandskraft auf körperlicher Ebene und wir beruhigen auch den Geist. Er läßt sich nicht mehr so leicht von äußeren Dingen stören, aufregen oder ablenken. Nach einer āsana-Praxis  können wir ein angenehmes Körpergefühl und innere Ruhe spüren. Wir fühlen uns entspannt, wenn wir vorher verspannt waren oder kräftiger, wenn wir vorher müde waren und gleichzeitig mental ausgeglichen.

Wenn man āsana als Meditationssitz interpretiert ist für eine lange Meditation eine stabile und entspannte Haltung erforderlich. Nur in dieser Qualität stört der Körper den Geist nicht, z.B. durch Rücken-oder Knieschmerzen oder eingeschlafene Füße.


Wie sind āsana im Gesamtzusammenhang des Yogasutra zu sehen?

Die āsana im Gesamtzusammenhang betrachtet vertieft das Verständnis für diese sādhana, diese Übungen. Den Zusammenhang mit den anderen sutren zu betrachten verdeutlicht auch den Unterschied zwischen einem āsana und einer Sportübung. Und er dient dem richtigen Verständnis und der richtigen Herangehensweise. Das zweite Kapitel beschäftigt sich nur an dieser Stelle und relativ kurz mit dem Körper. Das Thema Körper wird (erst) im letzten Drittel des Kapitels behandelt und ist eingebettet in den achtgliedrigen Pfad (astanga).

Die āsana und die yama und niyama:

Der achtgliedrige Pfad beginnt mit yama und niyama. Erst nachdem das Yogasutra diese Prinzipien vorgestellt hat, folgen die āsana. Diese Prinzipien sind bestimmte innere Haltungen und Bewusstseinszustände, die auch auf der Matte in der Yoga- und Meditationspraxis ihre Gültigkeit haben. Das ist wichtig, denn sonst bestimmen unsere Alltagsvorstellungen und -gedanken die Praxis und verfälschen sie. Sie sind wichtig für die Qualität der āsana wie sie in den drei sutren beschrieben wird:

  • Das yama ahimsā: Nicht nur unser Alltag, auch unsere Praxis soll gewaltfrei sein. Es ist eine wichtige Aufgabe von Kursleitern und Kursleiterinnen sicherzustellen, dass die Übungen zu den Teilnehmern und Teilnehmerinnen und deren gesundheitlichen Gegebenheiten passen. Sie haben im Kurs darauf zu achten, dass die Übungen im gesunden Rahmen ausgeführt werden. Dies gilt besonders für (Knie-)Gelenke und die Wirbelsäule. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen werden nicht aufgefordert oder animiert, Haltungen auszuführen oder in einer Art und Weise auszuführen, die das Risiko einer Verletzung bergen. Es werden nur solche Übungen angeleitet, die für alle machbar sind oder sie werden für einzelne abgewandelt. Und es gibt keine richtige oder perfekte Form für alle. Es darf kein Druck, auch nicht körperlich, angewandt werden, um einen Menschen in eine Haltung zu zwingen. Schmerz ist ein wichtiges Alarmsignal des Körpers und die Meinung „durch den Schmerz hindurchgehen“ zu müssen, widerspricht ahimsā.
    Als Teilnehmende im Kurs oder auch zu Hause geht es um eine innere gewaltfreie Haltung sich selbst gegenüber auf der Matte. Forderungen an den Körper, die nicht zu erfüllen sind oder sogar Schmerz erzeugen, überzogene Erwartungen, falscher Ehrgeiz, Abwertung der eigenen Person wegen vermeintlicher Vorstellungen durch falsche Vorbilder in Zeitschriften und Videos oder Vergleiche mit anderen sind Gewalt gegen sich selbst . Sie können langfristig zu Verletzungen führen. Alle diese Konditionierungen kommen aus dem Ego (asmitā). Wie kann aus solchen Ideen eine stabile, entspannte und ruhige Yogapraxis entstehen? Wie kann man auf diese Weise Widerstandskraft aufbauen? Ist es nicht vielmehr eine weitere Schwächung? Eine Wiederholung des Alltags mit anderen Mitteln auf der Yogamatte? Ist so Entwicklung möglich?
  • Satya: Auf der Matte ehrlich zu sich selbst sein, sich nichts vormachen, die eigenen Grenzen erkennen. Das heißt nicht, dort stehen zu bleiben. Dann würden wir die Entwicklung blockieren. Wir erweitern in kleinen Schritten, die machbar sind, sanft die Grenzen (vinyasa krama).
  • Brachmacharya: Im weiteren Sinne dieses Begriffs geht es um das rechte Maß der Bedürfnisse im Alltag. Auch auf der Yogamatte und in der Meditation geht es um das rechte Maß. Die Praxis sollte frei sein von Gier nach immer mehr, sich immer mehr abzuverlangen, sich auszupowern. Diese Gier kann entstehen aus einer Sucht nach Endorphinen und dem Hochgefühl oder aus einem sonstigen inneren Zwang heraus. Die Meditation soll nicht als Flucht vor der Welt und den Problemen benutzt werden.
  • Aparigraha: Bezogen auf die Yoga-und Meditationspraxis bedeutet es das Loslassen von (Ideal-)Vorstellungen. Aparigraha bedeutet die Erfahrungen der Praxis zu akzeptieren, ob sie angenehm oder unangenehm sind, ob sie unserem Bedürfnis, unserer Vorstellung entsprechen oder nicht.
  • Das niyama sauca: Die Reinigung. Wenn wir unsere Praxis nicht als Sport oder Optimierungsprogramm sondern im Sinne des Yogasutra ausführen, reinigen wir unseren Körper und unseren Geist. Der Körper kann mit jeder Praxis mehr an Spannung loslassen, Kraft aufbauen und ins Gleichgewicht kommen. Das unterstützt alle Vorgänge im Körper. Und unser Geist wird immer klarer, weil wir bemerken, wo uns alte Muster behindern und einschränken. Mit diesem Bewusstsein und der Erfahrung, wieviel bereichernder eine Praxis und letztendlich das ganze Lweben ohne diese Muster ist, wie frei der Geist wird, lösen sich die alten Gedanken nach und nach auf.
  • Samtosa: Wie zufrieden sind wir während und nach der Yoga- oder Meditationspraxis? Wie ist unser innerer Zustand? Können wir zufrieden sein mit dem was gerade möglich ist? Wenn unsere Praxis in den genannten Bewusstseinszuständen ausgeführt wird, entsteht diese Zufriedenheit.
  • Tapas: Das innere Feuer und Verlangen nach der Praxis. Ist die regelmäßige Praxis eine Freude, machen wir sie gern oder ist sie eine weitere, lästige Pflicht? Bei allen täglichen Anforderungen, die an uns gestellt werden und die wir an uns selbst stellen, kann die Begeisterung verloren gehen. Gibt es dennoch einen starken inneren Wunsch, immer wieder auf die Matte zu gehen. Gibt es die Erfahrung, dass es uns danach besser geht? Eine Praxis, die nur als Pflicht empfunden wird ist Zeitverschwendung.
  • Svādhyāya: Das Selbststudium bedeutet während der Praxis und in der Meditation bewusst zu sein und den Körper und die Gedanken wahrzunehmen statt über Dinge nachzudenken. Die Praxis dient dazu, sich selbst kennenzulernen, denn über unseren Körper können wir unseren Geist bzw. seine Funktionsweise (vrittis YS 1.4/1.5) bewusst wahrnehmen. Dann erkennen wir unsere Einstellungen und Hindernisse, die uns Probleme machen (klesa YS 2.2 und antaraya 1.YS 1.29) und können sie verändern. So entwickeln wir uns weiter.
  • isvarapranidhāna: Die Praxis hat das Ziel, sich immer mehr dem unendlichen Bewusstsein anzunähern, dem eigentlichen Wesen, dem Selbst und den Zustand von samadhi zu erfahren. Diesem Ziel dienen die āsana. Das geht über Gesundheit und seelische Ausgeglichenheit als Ziel hinaus. Beides ist wichtig auf dem Weg, aber nicht das Ziel.

Wenn man die āsana-Praxis im Zusammenhang mit den yama und niyama betrachtet, bekommt sie eine andere Qualität als ohne dieses Wissen. Das Wissen schützt vor falschen Erwartungen oder Vorstellungen oder auch falschen Zielen, für die andere Methoden besser geeignet sind. Der Körper bzw. die Übungen dienen auf diesem Übungsweg (sādhana pāda) dem Geist. Sie sind nicht Selbstzweck und das Ziel ist nicht Gesundheit oder Schönheit.

Weitere wichtige sutren:

  • Als weiteres sutra ist noch das sutra 1.33 im ersten Kapitel zu nennen. Es gehört thematisch zu den yama und niyama, denn auch hier geht es um einen inneren Zustand bzw. eine innere Haltung generell und in Bezug auf die Praxis zu sich selbst. Die in diesem sutra genannten bhāvana sind die sogenannten Herzens-oder Gefühlsqualitäten. Sie sind die Basis für die yama und niyama. Es ist Liebe (maitrī), Mitgefühl (karunā), Mitfreude (mudita) Verständnis/Vergebung/Toleranz (upkesa). Im Zustand dieser Qualitäten- eine liebevolle, wohlwollende Haltung, mit Mitgefühl und Toleranz gegenüber Fehlern und vermeintlichen Schwächen- können āsana im Sinne des Yogasutra gelingen.
  • Ergänzend sei noch das sutra 2.16 erwähnt, in dem es heißt, dass zukünftiges Leid vermieden werden kann. Das āsana sollte also so ausgeführt werden, dass zukünftiges Leid vermieden wird. Dies kann bedeuten, dass Übungen Beschwerden vorbeugen (Prävention) oder bestehende Beschwerden und Symptome gelindert oder beseitigt werden. Es bedeutet auch, dass ein āsana auf jeden Fall so ausgeführt wird, dass keine neuen Beschwerden entstehen.
  • Es gibt noch andere Aspekte aus dem Yogasutra wie die antaraya (YS 1.29/1.30), die von den körperlichen und psychisch-mentalen Hindernissen sprechen, die durch die āsana beseitigt werden. Diese Hindernisse nennen wir Symptome oder Krankheiten. Yoga wirkt auch therapeutisch. In der Regel wird Yoga ergänzend zu anderen Methoden empfohlen.

Wenn man āsana nicht nur als Körperübung verstehen, sondern das Wesen erfassen will, muss man also über das sutra hinausschauen.


Welche Aufgabe haben die āsana?

Die āsana dienen der Erreichung des Ziels von Yoga. Das Ziel ist, einen Bewusstseinszustand zu erreichen, der das Ego überwindet. In diesem Bewusstsein löst sich alles Leid auf, weil alle Zusammenhänge erkannt werden und das wirkliche Wissen erlangt wird. Im Yogasutra 1.3 heißt es bildhaft „der Seher“ ruht in seiner eigenen Form. Wir nehmen aus diesem Bewusstsein war. Es wird auch das wahre Selbst genannt im Unterschied zum Ego.

Dieser „Seher“ ist durch unser Ego verdeckt. Das Ego meint alles zu wissen und zu erkennen, aber tatsächlich ist sein Wissen beschränkt auf die Sinneswahrnehmungen und die subjektiven Erfahrungen. Subjektive Erfahrungen und die Rückschlüsse die das Ego daraus zieht können aber per se nicht objektive Wahrheit sein. Aus dieser Verwechslung entsteht das Leid, entstehen die täglichen Probleme und Mißverständnisse, die Gefühle und Konflikte im Kleinen wie im Großen. Deshalb, so das Yogasutra, muss der Geist, müssen also die Gedanken (vrittis) zur Ruhe kommen (nirodha, YS 1.2). Was die Gedanken sind und wie sie zur Ruhe kommen können, beschreibt der Text im zweiten Kapitel, der mit Übungsweg überschrieben ist (sādhana pāda).

Zu Beginn des zweiten Kapitels beschreibt der Text das Ego und seine Funktionsweise: Es sind die klesa- unsere Neigungen wie die Täuschung unseres Ego aus dem Gier, Neid, Ablehnung, Abwertung, Angst bzw. Existenzangst (YS 2.2-2.12) entstehen. Die gesamte Praxis und damit auch die āsana reduzieren diese Neigungen. Wie geschieht das? Über das Bewusstsein unserer Gedanken und Gefühle verändern sich diese. Und über die Veränderung verstehen wir, dass sie nicht unser Selbst sind. Das Selbst, die Seele, unsere Essenz ist unveränderlich. Alles andere sind Hüllen. Und wir verstehen, wie diese Neigungen, auch Konditionierungen oder Triebe genannt, uns Leid, Kummer, Sorgen, Ärger und Schwierigkeiten einbringen und unsere Entscheidungsfreiheit einschränken. Vielleicht tauchen diese Gefühle auf der Matte bei der Ausführung eines āsana auf, vielleicht auch aus der Erinnerung, denn die Erinnerungen werden im ganzen Körper gespeichert, nicht nur im Geist. Sie tauchen auf, weil die Gedanken zur Ruhe kommen.

Gleichzeitig mit der Reduzierung der klesa tritt immer mehr unser wahres Selbst hervor, das im Hintergrund/im Verborgenen ist, solange die klesa das Leben bestimmen. Dieses Selbst wird im ersten Kapitel als „Seher“ (drastu YS 1.3), das was die absolute Wahrheit sehen bzw. erkennen kann, beschrieben. An anderer Stelle wird das Bild verwendet, dass die klesa, die das innere Licht (häufig Symbol für Erkenntnis) verhüllen, entfernt werden und dieses innere Licht dann aufscheinen kann.

Asana haben als Teil des Yogaweges also das Ziel, über den Körper unseren inneren Zustand zu verändern. Nur über den Geist ist dies nicht möglich, weil Körper und Geist eine Einheit bilden. Dies haben auch die frühen sādhaka (die Suchenden) erfahren und verschiedene Methoden probiert, zuerst als Askese und Selbstkasteiung, also der Ablehnung des Körpers, was nicht erfolgreich war und dann hin zu einem mehr körperfreundlichem Umgang.


Die āsana in der Hatha Yoga Pradipika

Wie kamen die āsana, wie wir sie kennen, ins Yoga? Die Hatha Yoga Pradipika (Leuchte des Hatha Yoga)  im 15.Jh. enthält ein ganzes Kapitel über 15 āsana und die Gherandasamhita (17. Jh.) 32 āsana, andere 84 āsana. Sie sollen den physischen und den subtilen Körper reinigen. Laut HYP zerstören sie die klesa, heilen Krankheiten, wirken dem Alter und Tod entgegen, verleihen besondere Kräfte und wecken die Kundalini (Zeichen der Erkenntnis) und lassen sie aufsteigen, was dann Erleuchtung bedeutet.

Ab dem 19. Jh. fanden immer mehr Übungen aus der Gymnastik in den Yoga. Die Engländer, die Indien besetzt hatten, brachten die Gymnastik nach Indien. Zum einen haben die Inder seit der Eroberung durch die Arier ca. 2000 v.Chr. gezeigt, dass sie fremde Kulturen und Gebräuche mit ihrer Tradition vermischen und zum anderen galt Gymnastik auch als Zeichen der Elite. Was viele vielleicht nicht gern hören, aber einige Übungen entstammen auch dem Militär und wurden dazu benutzt, die Kämpfer auszubilden.

Eine besondere Gruppe unter den āsana bilden die karana bzw. vinyasa. Darunter sind atemgeführte Bewegungsfolgen aus einzelnen āsana zu verstehen, die dynamisch ausgeführt werden. Das bekannteste Beispiel ist Surya Namaskar – der Sonnengruß.

Diese Form des Yoga kam dann Ende des 19.Jahrhunderts in den Westen und wurde als klassisches Yoga bezeichnet. Die āsana sind relativ jung im Yoga.


Die Bedeutung der āsana für uns heute

Die āsana sind im Westen das Synonym für Yoga. Auf den Webseiten, auf Flyern und in Zeitschriften werden āsana abgebildet oder beschrieben, wenn von Yoga die Rede ist. Und so ist es nicht verwunderlich, wenn neue Teilnehmer und Teilnehmerinnen mit dieser Vorstellung in den Yogakurs kommen. Sie haben Erfahrungen mit einem sportlichen Stil gemacht, einer Art, die eher einem workout ähnelt. Oder sie möchten im Yoga lernen zu entspannen. Auch das ist ein -durchaus berechtigter- Wunsch. Manche haben erlebt, dass man dort auch singt und am Ende ein bisschen meditiert. Soweit die Vorstellungen von Yoga bei uns.

Nur Wenige wissen, dass es im Yoga nicht darum geht, zu lernen wie man auf dem Kopf steht, sondern zu erkennen, was in ihm vorgeht. Und dass die āsana Teil eines inneren Transformationsprozesses sind. Vielleicht wäre es auch abschreckend.

Die āsana verbessern auch ohne den theoretischen Hintergrund das Leben und den Alltag der Teilnehmer und Teilnehmerinnen in verschiedener Hinsicht:

  • Die Körperwahrnehmung verbessert sich und der Umgang mit dem Körper wird achtsamer
  • Die bewusste Bewegung führt in Verbindung mit dem Atem zu innerer Ruhe und kräftigt auch die tiefe Muskulatur
  • Der Geist ist weg vom Alltag und dessen Problemen und kann zur Ruhe kommen. Dies ist in Bewegung für manche Menschen leichter als in einer Sitzmeditation
  • Unbewusst lösen sich mit den Bewegungen in den Muskeln, Organen und dem Bindegewebe (Faszien) gespeicherte Erinnerungen, z.B. aus einem Sturz oder Schreck. Dies ist der psychosomatische Aspekt. Es gibt immer mehr Therapieformen, die den Körper einbeziehen, wie z.B. das Somatic Experiencing, eine Traumatherapie. Diese Bedeutung des Körpers für den Geist haben die Menschen auch früher schon erlebt und genutzt.
  • Über die bewussten Bewegungen wird der Atem vertieft und das vegetative Nervensystem, der Parasympathikus, angesprochen
  • Die āsana können das Interesse an dem ganzen Yogawissen wecken und den Einstieg in den Yogaweg erleichtern
  • Die präventive Wirkung der āsana-Kurse ist mittlerweile anerkannt, weshalb die gesetzlichen Krankenkassen diese Kurse bezuschussen
  • Immer mehr Teilnehmer und Teilnehmerinnen kommen auf Empfehlung von Ärzten nach einer Erkrankung oder Reha-Maßnahme
  • Selbst der Wunsch nach Schönheit und Selbstoptimierung, die manches Ego in den Yogakurs führt, wird erfüllt, denn wahre Schönheit kommt bekanntlich von innen. Ein ausgeglichener Mensch mit einem guten Körpergefühl strahlt dies aus. Allerdings reicht selbst eine sportliche Praxis nicht aus, um abzunehmen. Aber ein besseres Körpergefühl trägt vielleicht zu einer Ernährungs- bzw. Lebensumstellung bei. Auch kann die Yogapraxis dazu beitragen, ruhiger und damit klarer zu werden. Das hilft im Alltag, sich besser zu strukturieren, Prioritäten setzen zu können und so sein Leben zu optimieren.
  • In einigen Kliniken werden die āsana therapiebegleitend eingesetzt. Es gibt Studien, die die Wirksamkeit von āsana, Atem und Meditation belegen.

Die āsana in der Yogastunde

Die āsana im Yoga ähneln sich, auch wenn sie in den Schulen unterschiedliche Namen tragen. Ihre Namen sind oft fanasievoll der Natur entlehnt- z.B. Baum, Berg, Pfau, Kranich, Kuhkopf, Kobra, nach unten oder oben schauender Hund. Durch die Übung von āsana werden die wohltuenden Wirkungen erzielt, welche die Tiere veranlassen, diese Haltungen instinktiv einzunehmen. Oder sie beschreiben die Übung- so heißt die Vorbeuge übersetzt „Dehnung des Westens“. Der Westen meint die Körperrückseite. Oder sie tragen Götternamen wie Nataraj.

In den alten Texten werden sie genannt und beschrieben. Man schreibt ihnen auch bestimmte Wirkungen zu. Einige dieser Wirkungen sind aber durch unsere heutigen medizinische Kenntnisse widerlegt, wie z.B. das hartnäckige Gerücht, im Kopfstand werde das Gehirn besser durchblutet oder im Pflug durch Druck die Schilddrüse aktiviert. Im Kopfstand kommt es zwar zu einem Blutstau im Kopf, erkennbar an einem roten Gesicht, aber das Gehirn ist glücklicherweise durch die Bluthirnschranke geschützt. Die Schilddrüse wiederum reagiert nur auf Hormone, nicht auf mechanischen Druck. Das ist nachzulesen in der Zeitschrift viveka der beiden Ärzte des Berliner Yogazentrums, Martin Söder und Imogen Dalmann. Aus diesem Grund kann ich mir auch nicht vorstellen, dass „Hormonyoga“ hormonell wirkt. Verschiedene Haltungen und besonders Drehungen können durchaus die Durchblutung im Becken anregen, was zu positiven Empfindungen führt. Ob es Studien gibt, die die hormonelle Wirkung bestätigen, ist mir nicht bekannt.

Die alten Übungen sind mit unseren heutigen Kenntnissen über die Anatomie des Körpers abzugleichen. Einige bergen Risiken hinsichtlich der Halswirbelsäule und der Aorta, der Knie und Lendenwirbelsäule und gehören nicht in einen Gruppenkurs mit Menschen, die einmal die Woche āsana üben und womöglich (unbekannte) Vorschädigungen haben.

Ein Spiegel im Yogaraum ist kontraproduktiv, weil die Versuchung gegeben ist, die Körperhaltung äußerlich perfekt auszurichten, obwohl sie dadurch zu körperlichen Unannehmlichkeiten führt und verhindern kann, den achtsamen Bezug zur Innenwelt aufzubauen. Er ist auch im Kurs nicht nötig, weil die Kursleitung Feedback geben kann.

Es gibt folgende Gruppen:

  • Standhaltungen
  • Gleichgewichtsposen
  • Sitzhaltungen
  • Vorbeugen
  • Rückbeugen
  • Drehhaltungen
  • Umkehrhaltungen
  • Liegende Haltungen
  • Krafthaltungen

Kernprinzipien für die Ausführung:

  • Die āsana werden didaktisch im vinyasa krama ausgeführt. Dies bedeutet, dass man in Schritten vom Leichten und Einfachen zum Schwierigen/Komplexen übt. Überhaupt ist nicht so sehr die Enthaltung das Ziel, sondern die Erfahrung auf dem Weg dorthin. Daraus lernen wir.
  • Asana werden stets in Koordination mit der Atmung durchgeführt
  • Das Tempo der Übungen bzw. jeder Haltung sollte so sein, dass der Atem folgen kann und man nicht außer Atem gerät
  • Bewegungen, die den Brust- und Bauchraum dehnen, werden grundsätzlich mit der Einatmung verbunden (Es gibt Ausnahmen)
  • Bewegungen, die den Brust- und Bauchraum verengen, werden immer mit der Ausatmung verbunden
  • Nach jeder Übung folgt ein Ausgleich. Wird zum Beispiel ein Körperteil gebeugt oder komprimiert, so wird er durch eine darauffolgende āsana gestreckt oder gedehnt; nach einer asymmetrischen Bewegung folgt eine symmetrische z.B. nach einer Drehung folgt eine Vorbeuge
  • Viele Übungen sind Bewegungen, die alltagsfern sind. Das ist gewollt, weil die Muskulatur und das Gehirn gefordert werden. Außerdem dehnen, strecken und drehen wir uns im Alltag wenig. Durch die āsana werden die Bereiche geweitet oder auch Kraft aufgebaut. Wichtig sind die Pausen zwischen den Übungen, in denen die Wirkung wahrgenommen werden kann und der Körper die neue Bewegung neurologisch und muskulär speichern kann. Das gilt auch für die Entspannung am Ende des Kurses. Der Körper wird still und es ist dennoch eine aktive Pause.

Asana sind psychosomatische Übungen, die eine stärkende und ausgleichende Wirkung auf das gesamte Nervensystem haben und die psychische Verfassung des Übenden harmonisieren und stabilisieren. Gelassenheit und geistige Ruhe, Entspannung und ein Gefühl von innerer Freiheit und Frieden sind die Wirkungen, die durch diese Übungen erzielt werden. Durch āsana wird der Körper nicht ermüdet oder erschöpft, sondern im Gegenteil, er wird mit Energie aufgeladen, erholt und erfrischt. Das sind die Kriterien für eine gute Praxis. Wenn der Geist durch eine solche Praxis beruhigt und frisch ist, ist er gut vorbereitet für die Meditation.