Wenn wir Patanjali fragen könnten: „Was ist eigentlich Yoga?“, würde er uns mit dem zweiten Sutra antworten: yogah cittavritti nirodhah. Das kann man in etwa übersetzen mit: Yoga ist das zur Ruhe kommen der Geistesaktivitäten.
Was meint er damit? Was und wie passiert das genau? Und wozu?
Schauen wir es uns im Einzelnen an:
– nirodha:
Zunächst sehen wir uns der Schwierigkeit gegenüber, dass aus den Sanskritworten nicht klar hervorgeht, ob ein Prozess oder ein Zustand gemeint ist.
Das Kapitel trägt die Überschrift samādhi pāda. Samādhi ist ein bestimmter Bewusstseinszustand, pāda heißt Pfad oder Weg. Im Zusammenhang mit dem Titel des Kapitels könnte Yoga als Prozess oder Weg zu diesem Zustand verstanden werden. Andererseits weiß man nicht, ob die Überschriften nicht später hinzugefügt wurden, als die Sutren in eine Schriftform gebracht wurden. Aber das lassen wir jetzt außen vor, um es nicht zu kompliziert zu machen.
Es kann also bedeuten, dass Yoga ein Geschehen oder ein Prozess ist. Ein Prozess verändert etwas. Das Besondere hier ist, dass es nicht ein Prozess oder eine Veränderung ist, wie wir sie kennen. Wir kennen die Prozesse in der Natur – entstehen, geboren werden, wachsen, erblühen, Früchte tragen oder Nachkommen zeugen, sterben. Technische Geräte werden hergestellt, benutzt und entsorgt. Alles das können wir beobachten.
Patanjali spricht aber von einem geistigen Prozess. Es ist eine Veränderung in unserem Verstand, citta. Dieser innere Prozess ist nicht unmittelbar von außen zu beobachten. Nur mittelbar durch Verhaltensänderungen, aus denen wir auf Veränderungen schließen können, wird er sichtbar. Innerlich, also der Person selbst, ist es möglich, Veränderungen wahrzunehmen, aber es ist auch nicht so einfach.
Die Sanskritworte kann man andererseits auch als ein Zustand interpretieren: Die Geistesaktivitäten sind still. Einige Kommentatoren, wie Vyasa, 5./6. Jhd. nach Chr, deuten die Aussage als Beschreibung eines Zustandes.
Letztendlich läßt es sich nicht klären, weil wir Patanjali nicht fragen können.
– cittavritti:
Das Wort vritti ist klar und eindeutig: Bewegung(en). Citta ist der Geist.
Wie „bewegt“ sich der Geist oder was bewegt den Geist? Cittavritti sind die ständigen Bewegungen des „Geistes“, z.B. Erinnerungen, Bewertungen, das Einordnen oder Kategorisieren aufgrund bestehender Meinungen, Ansichten, Vorlieben und Abneigungen. Diese bewussten oder unbewussten und zwanghaften Neigungen sollen also zur Ruhe kommen.
Warum finden diese Vorgänge ständig, abgesehen vom Zustand des Tiefschlafs, und ohne bewusste Entscheidung statt? Die Erklärung finden wir in dem älteren Text Sāmkhya. Yoga beruht auf Tradition, stellt Patanjali im ersten Sutra klar: Yoga anusāsanam (1.1) Er benennt die Tradition nicht. Sie konnte zur damaligen Zeit als bekannt vorausgesetzt werden. An dieser Stelle geht es um das Modell Sāmkhya.
Sāmkhya ist eines der sechs darshana, zu denen auch Yoga zählt. Darshana bedeutet Schau (von drs: sehen, schauen) im Sinne von Einsicht, die auf Erkenntnis beruht. Es wird oftmals mit Philosophiesystem übersetzt. Sāmkhya ist ein Konzept über die Entstehung und Entwicklung der Welt und damit auch des Menschen. Andere Konzepte gibt es in der Bibel, dem Koran und auch in den Naturwissenschaften.
Nach dem Modell des Sāmkhya besteht die Welt aus Materie und ist aus drei Grundenergien entstanden. Sie wirken weiterhin auf alles was Materie ist. Diese drei Grundenergien werden guna genannt:
- Rajas: Bewegung, Aktivität, Unruhe
- Tamas: Schwere, Ruhe, Trägheit, Stabilität
- Sattva: Klarheit, Stille
Sie ähneln übrigens den drei doshas im Ayurveda, der „Lehre vom Leben“.
Diese drei Energien sind latent immer vorhanden mit wechselnder Dominanz. Deshalb ist alles, was wir kennen in Veränderung, so der Sāmkhya. Jede Energieform hat ihre Berechtigung und Bedeutung. Ohne rajas keine Entwicklung, ohne tamas keine Stabilität/Ruhe und ohne sattva keine Klarheit, keine Erkenntnis. Bei rajas zerstreut sich die Energie in alle Richtungen, bei tamas mehr „nach unten“. Bei sattva ist sie konzentriert und zielgerichtet, „einpunktig“ – ekagra- wie Patanjali das nennt.
Auch unser „Geist“ ist Materie und unterliegt damit diesen Energien. Wir erleben das täglich, denn mehrmals wechselt unsere Befindlichkeit. Wir können uns in dem Konzept also wiederfinden. Die Energien sind die Basis der vritti. Sie halten den Geist auf die eine oder andere Art und Weise in Bewegung.
– citta
Im Sanskrit gibt es mehrere Worte, die wir häufig mit dem im Sprachgebrauch unbestimmten Begriff „Geist“ übersetzen. Sie stammen ebenfalls aus dem Sāmkhya.
Was wir mit „Geist“ übersetzen:
Manas ist das Organ, das Gehirn, das alle Eindrücke aufnimmt und verarbeitet. Es beinhaltet die Gedanken und Gefühle (1.35/2.53).
Buddhi ist der Intellekt, die Unterscheidungsfähigkeit.
Ahamkara ist das Ego, das was sagt „Ich bin dieses/jenes….. oder „mein“. Es ist der Teil in uns, der sich mit unterschiedlichsten Dingen identifiziert. Das ist der Teil, der sich als Egozentrik oder Ich-Sucht zeigt, asmitā (2.3, 2.6)
Citta ist das „meinende Selbst“. Es wird so genannt, weil es sich als Entität begreift, die sich aufgrund von Erfahrungen und Erinnerungen eine Meinung über sich selbst, die Welt und alle Vorgänge in der Welt bildet – und dies für die absolute Wahrheit hält.
Wenn wir citta zur Ruhe bringen, was passiert dann mit den anderen? Hängen nicht alle Aspekte zusammen? Was passiert in der Ruhe von citta mit unserem Intellekt und mit unserer Wahrnehmung? Auch das ist dem Yogasutra zu entnehmen.
Alle Bezeichnungen stehen für unterschiedliche Aspekte des Geistes. Während manas nur an zwei Stellen im Yogasutra eine Rolle spielt, wird citta als Wort oder Wortbestandteil an zahlreichen Stellen genannt. Citta scheint DIE entscheidende Rolle auf dem Weg zu nirodha und samādhi zu spielen.
Die Funktionsweise von citta
Der „Hebel“ oder das Werkzeug im Yoga ist citta, das „meinende“ Selbst.
Patanjali zählt fünf verschiedene Wirkungsweisen von citta auf und sagt, dass jede sowohl „bindend“(klista) als auch „befreiend“ (aklista) sein kann (1.5).
Diese fünf sind (1.6):
- richtige Wahrnehmung (durch unmittelbare, direkte Erfahrung – pratyaksa oder aus unwiderlegbarer Quelle – āgama 1.7)
- falsche Wahrnehmung (aus Verblendung 1.8)
- Vorstellung (Ideen, Vorstellungen, Worte 1.9)
- Erinnerung (vritti, die in der Gegenwart aktiviert werden, anubhūta visaya 1.11)
- Tiefschlaf (citta ist träge 1.10)
Diese Vorgänge kennen wir aus eigener Erfahrung. Sie sind so selbstverständlich, dass wir ihnen im Alltag keine Beachtung schenken.
Wichtig sind hier zwei Dinge:
1. Sie sind nicht von ihrer Natur her bindend oder befreiend, sondern es kommt auf den Zusammenhang, auf die Situation an.
2. Unabhängig von der Wirkungsweise sollen diese vritti, diese Aktivitäten, zur Ruhe kommen. Dies ist das Ziel des Yoga.
Es stellt sich an dieser Stelle die Frage, wie dies im Alltag funktionieren kann bzw. ob dies überhaupt im Hinblick auf den Alltag und das Leben ein sinnvolles Ziel ist. Um auf diese Frage eine Antwort zu finden, machen wir uns auf eine Forschungsreise durch das Yogasutra. Wo können wir sie finden, wenn nicht dort?
- klista oder aklista
Einen ersten Schritt können wir der Antwort näher kommen, wenn wir die Begriffe klista und aklista und deren Übersetzung mit bindend und nicht bindend/befreiend klären.
Worin besteht die Bindung?
Ein anderer Begriff dafür ist Gewohnheit. Auch Konditionierung oder Prägung (samskāra) sind klista. Es ist nicht eine äußere Bindung, zumindest nicht ursprünglich, sondern eine geistige. Diese Gewohnheiten wirken wie Filter, durch die wir die Welt und uns selbst wahrnehmen, sowie Vorstellungen und Erwartungen erzeugen. Sie lassen uns immer die gleichen Überzeugungen und Verhaltensmuster wiederholen. Sie führen immer wieder zu gleichen oder ähnlichen Resultaten. Wir haben keine Wahl.
Bindung bedeutet auch, dass wir an unsere einmal bewusst oder unbewusst gewählten Überzeugungen und Verhalten gebunden sind. Wer kennt das nicht, wenn man schon mal eine Gewohnheit verändern wollte? Warum ist das so schwer? Weil sie zu einem Teil unserer Persönlichkeit geworden ist, wir sind mit ihr „identifiziert“, das heißt, sie zu verändern oder loszulassen ist so, als würden wir einen Teil von uns verlieren oder aufgeben müssen. Das Problem beginnt aber schon vorher, denn um etwas verändern zu wollen, müssen wir es als problematische, falsche, einschränkende Einstellung erkannt haben und uns dessen als ein Filter bewusst sein. Dazu müssen wir frei von den Filtern werden. So paradox es erscheint, aber es ist möglich.
Bindung bedeutet auch, dass wir im Alltag die Gedanken nicht einfach mal abschalten können, wenn wir sie nicht brauchen, weil wir gerade nicht planen, analysieren, nachdenken, kontrollieren, uns sorgen, erinnern, sprechen oder agieren müssen. Wenn es gerade nichts zu denken gibt, laufen diese Gedanken dennoch einfach weiter. Das können wir in der Meditation beobachten. In Bezug auf die guna ist es die Energie von rajas (Aktivität) oder tamas (Schwere, Trägheit, Negativität).
In dem Modus von klista schränken wir uns auf eine begrenzte Lebensform ein. Es ist ein Leben auf Autopilot. Wir verzichten auf die Fülle der Möglichkeiten des Lebens, auf Lebendigkeit, auf Authentizität. Da es sich um alte Gedanken handelt, leben wir in der Gegenwart immer wieder unsere Vergangenheit. Wir sind ver-wickelt in unsere Gewohnheiten und finden nicht hinaus.
Patanjali bietet mit Yoga einen Ausweg. Wir können die zwanghafte Neigung unseres Geistes, auf die immer gleiche Weise aktiv zu sein, nach und nach reduzieren.
Patanjali: vritti sārūpyam itaratra (1.4) – Die Gedanken erschaffen das Ich asmitā
Die Bewegungen bilden die Form des Geistes. Patanjali spricht hier von „anderer“ Form (sā-rūpya). Was bedeutet hier Form? Und welche Form gibt es noch?
Die „andere“ Form, die hier gemeint ist, ist die, die wir „Ich“ nennen. Das Sutra setzt voraus, dass diese Form, dieses Ich nicht von Anfang an da ist. Es entsteht in unserem Geist und es bildet sich im Laufe unseres Lebens: Irgendwann sehen wir unser Spiegelbild und denken, das bin ich. Wir hören unseren Namen und denken, das bin ich. Und so dehnt sich dieses Ich immer mehr aus: Meine Familie, mein Beruf, mein Geld, meine Ansichten, meine Meinungen, meine Wahrheit, meine Erwartungen, meine Befürchtungen, meine Pläne…..Unser Ich ist ein gedankliches Konstrukt. Es entsteht aus Gedanken und es besteht aus Gedanken. Das ist ahamkara, wie es im Sāmkhya genannt wird. Patanjali nennt es asmitā (2.3/2.6). Und asmitā ist der Filter, durch den wir die Welt wahrnehmen. Unsere Wahrnehmung kann niemals neutral oder objektiv sein.
- Erworbene und erlernte Filter – die samskāra 1.18/1.50/3.18
Obwohl wir „ich“ und „mein“ denken, sind es nicht nur unsere eigenen Filter. Wir laufen mit fremden Filtern durch das Leben. Die ersten Filter, die wir uns angeeignet haben, waren die Filter der Eltern und anderer Menschen in unserem Umfeld. Indem sie uns immer wieder gesagt und vorgelebt haben, wie – mit ihren Filtern – Leben funktioniert, haben wir diese Überzeugungen angenommen und in unseren Geist integriert. Wir wussten es nicht besser. Und die Filter zu hinterfragen oder sich dagegen zu stellen wurde uns ab erzogen. Da dies unbewusst geschehen ist- und weiter geschieht durch Werbung, Medien, Beziehungen – halten wir die fremden Meinungen für unsere eigenen. Unser Geist nimmt die Form unserer Gedanken an. Wir werden zu dem, was wir geistig in uns aufnehmen. Diese Erkenntnis ist mehr als 2000 Jahre alt. Das kann man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.
Erweitert wird dieser „Fundus“ an Filtern im Laufe unseres Lebens durch unsere eigenen Erfahrungen und Rückschlüsse auf bestimmte Situationen. Diese mehr oder weniger erfolgreichen Strategien und Lösungen tauchen in ähnlichen Situationen spontan und ohne unsere bewusste Entscheidung als Erinnerungen wieder auf. Wir entscheiden nicht so rational und situationsgerecht, wie wir denken.
- Angeborene Filter
Wir kommen mit einer „anderen“ Form auf die Welt. Allerdings fehlt uns am Beginn des Lebens das Bewusstsein, ein Individuum zu sein. Es gibt ein Wesen, das fühlt und spürt. Von Beginn an verfügen wir über ein Nervensystem und zeigen Reaktionen auf bestimmte Sinneseindrücke. Das sind vritti. Wir zeigen z.B. Zustände von Angst, Schmerz, Hunger. Wenn etwas als unangenehm erlebt wird, zeigt das Kind Abwehrverhalten (dvesha). Es versucht wegzuschauen, sich wegzudrehen, sich zu verstecken, dann wegzulaufen oder anzugreifen/abzuwehren. Was als angenehm erlebt wird (Nahrung, Sicherheit, Geborgenheit) soll bleiben und wird durch Töne oder Verhalten eingefordert.
Alles das sind Überlebensinstinkte, unsere angeborenen Filter, im Yogasutra die klesa. Sie zählen nicht zu den cittavritti, obwohl sie den Geist unruhig machen und es keine Wahl gibt. Aber es gibt noch kein ahamkara, kein individuelles Ich, kein Konzept eines Ich. Der Geist ist nur solange aktiv, wie die Eindrücke da sind. Wenn alle Bedürfnisse erfüllt sind, ist der Geist still. Erst in der Verbindung mit dem citta werden sie zu cittavritti:
- Sowohl unsere Vorstellungskraft als auch unsere Erinnerung (1.6) können uns in einen Zustand von Angst versetzen. Es folgt eine Kaskade an Gedanken und Gefühlen, vritti, die mit der aktuellen Situation nichts zu tun haben. Gerade Angst aktiviert unsere Filter, unsere Gewohnheiten, klista vritti und führt zu falscher Wahrnehmung.
- Erinnerungen an unangenehme Situationen oder eine falsche Wahrnehmung können vritti aktivieren in Form von Abwehr, Ablehnung, Pauschalisierung, Projektion (dvesa) oder andererseits von Festhalten, Klammern, Geiz, Neid und Gier (rāga). Ein vritti jagt das nächste.
Wir haben es also mit angeborenen und erworbenen Filtern zu tun, die unser Ich, asmitā, bilden bzw. formen. Ein gebräuchlicher Begriff ist Narrativ. Der Wortstamm ist das lateinische narrare, zu deutsch: erzählen. In der Soziologie meint es eine „sinnstiftende Erzählung“. Wir erzählen uns, wer wir sind, wie die Welt ist und zu sein hat. Oder wie Buddha sagte: Alles was wir sind, ist das Resultat dessen, was wir gedacht haben. Dieses zu erkennen ist ein aklista, ein befreiendes vritti. In diesem „Modus“ erkennen wir immer mehr unsere Narrative, unsere Filter, die Wiederholung, den Ursprung der vritti und können die aktuelle Situation neu bewerten. Dieser Prozess von klista zu aklista läßt den Geist ruhiger werden. Letztendlich führt es zu großer Ruhe, zu nirodha.
Wer ist das, der das erkennt? Ein Ich? Wenn ja, welches? Es ist dasselbe citta, derselbe Geist, der uns bindet und der auch die Fähigkeit zur Erkenntnis hat, sagt Patanjali.
Jeder Filter beeinflusst die Wahrnehmung und verhindert, die Wirklichkeit zu sehen und die Wahrheit zu erkennen. Das hat Konsequenzen in unserem Leben und in der Welt, die wir tagtäglich bei uns selbst, in der Gesellschaft und Natur beobachten können. So kommt es zu der Bezeichnung von citta als „meinendes Selbst“ im Unterschied zu unserem „echten“ Selbst. Unser „echtes“ Selbst ist die eine Form. Das echte Selbst können wir durch Yoga erfahren und von dort leben.
Weil wir mit den klesa, mit dieser Form (sārupya) zur Welt kommen und weiter sozialisiert werden, können wir die Filter nicht erkennen. Wir sind überzeugt, dass die Welt und das Leben so ist wie wir es sehen, weil wir nichts anderes kennen und uns niemand etwas anderes gezeigt hat. Wir wachsen in eine Gemeinschaft hinein, die unsere Sichtweise bestätigt. An der Oberfläche kommen vielleicht Zweifel, wenn wir z.B. auf Reisen oder durch Medien andere Kulturen kennenlernen, die einen anderen Umgang pflegen. Aber im Grunde sind auch das lediglich Varianten, wie das Leid auf der Welt zeigt.
Wie wäre es, wenn diese cittavritti zeitweilig zur Ruhe kämen? Wenn die bindenden Gedanken ruhiger, also weniger werden, dann ist Raum da für die aklista vritti, die befreienden Gedanken. Auch solche Momente kennen wir, wenn sich eine neue Erkenntnis einstellt und wir uns fragen, warum wir dies nicht schon früher erkannt haben. Es fühlt sich frei an, weit, offen. Es eröffnen sich neue Perspektiven, vielleicht neue Möglichkeiten, wir ent-wickeln uns. Das sind die Momente des sattva-guna mit der Klarheit und Wachheit. Warum fällt uns eine Lösung oder eine neue Möglichkeit ein, wenn wir gerade nicht über das Problem oder die Situation nachdenken? In dem Moment ist der Filter noch da, aber er entfaltet keine Wirkung und der Geist schaut „ungefiltert“ auf das Problem und erkennt die Lösung. Dies kann bei einem Spaziergang, in der Dusche, abends oder morgens im Bett oder in der Meditation geschehen. Deshalb ist das zur Ruhe kommen des Geistes für uns erstrebenswert. Bis zu diesem Punkt können wir Patanjali und dem zur Ruhe kommen der Aktivitäten folgen.
Viktor Frankl hat es so formuliert: Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit. Man kann ergänzen: Und unsere Entwicklung zur Erkenntnis unseres wahren Selbst.
Das meinende Selbst ist also die „andere Form“, die aus der Identifikation mit den Gedanken entsteht. So beschreibt es Patanjali in diesem Sutra. Solange die Bewegungen des Geistes da sind, sind wir darin gefangen. Die befreienden Gedanken, genannt aklista, vermitteln uns eine Idee davon, dass Freiheit davon möglich ist. Aber unser Verständnis von Freiheit ist immer noch eine eingeschränkte Form von Freiheit. Wir sind noch gefangen, auch wenn wir unseren geistigen Raum erweitern.
Leider gibt es an dieser Stelle drei Einschränkungen:
- Wir können den Zustand von sattva nicht willentlich erzeugen
- Der Zustand ist nicht von Dauer, denn unser Geist setzt schnell wieder den Filter ein, weil ihm das vertraut ist und er sich sicher fühlt
- Auch diese vrittis sind noch gefiltert, weil dies die Natur des citta ist. Deshalb wird es „meinendes Selbst“ genannt.
Der Geist ist still – und dann?
An den Bewegungen unseres Geistes sind drei Elemente beteiligt: Die guna (Energien), die klesa (Triebe) und die indriya (Sinne). Auch indriya ist ein Begriff aus Sāmkhya. Der Geist und die Sinne sind eng verbunden. Das wird als samyoga beschrieben. Wenn wir verstehen, wie die Sinne und die Bewegungen des Geistes verbunden sind und sich beeinflussen, kann manas (der Verstand) ruhig werden, sagt Patanjali (1.35). Dazu lösen wir die Verbindung von citta zu den Sinnen und ziehen die Aufmerksamkeit nach innen. Das wird pratyāhāra genannt (2.55). Der Geist will nicht mehr wissen, was außen passiert und wird andererseits nicht von den Sinnen beschäftigt gehalten. Das ist die Voraussetzung für Meditation.
Der Geist wird ruhiger, aber er ist noch aktiv. Nur ist sein Fokus auf das innere Geschehen gerichtet. Durch den Prozess des astanga yoga werden die klesa schwächer (klesa tanu, 2.2). Die Bewegungen des Geistes werden weniger und diesen „Raum“ füllt dann etwas, das drastu oder purusa genannt wird. Es ist immer da und ist das „echte“ Selbst (samādhi bhāvana 2.2).
Der Verstand, citta, der nur den Zustand von Bewegung kennt, kann sich Ruhe im Geist schwer vorstellen. Ist das Leere? Ist das Nichts? Oder eine Form von Bewusstlosigkeit? Langeweile? Kein „Ich“ mehr, das denkt, fühlt und spricht? Ist das nicht ein trostlosen, trauriges Leben? Löst der Geist sich sogar auf?
Diese Fragen sind schon alte Fragen – und werden bereits in einem älteren Text vor dem Yogasutra, in der Bhagavadgīta, der wichtigsten Schrift im Hinduismus gestellt. Gandhi soll immer ein Exemplar bei sich getragen und bei Fragen oder Problemen aufgeschlagen und eine Antwort gefunden haben. In dem Text fragt Arjuna, der Mensch, den Gott Krishna, woran man einen „erleuchteten“ Menschen erkennt, wie er lebt und handelt. Krishnas Antwort: Dieser Mensch ist unbeeinflusst von den guna und beobachtet, wie sie ihr Spiel treiben. So kann er im Geist ruhig und gefasst bleiben und Gleichmut bewahren. Er ist gleichmütig in Freud und Leid, hängt nicht an Besitztümern und Reichtümern, bleibt sowohl angesichts von Lob als auch Kritik gelassen. Macht und Ehre, Gewinn oder Verlust gegenüber Freund oder Feind bedeuten ihm nichts. Er hat jedes Machtstreben oder -handeln „besiegt“. Dieser Mensch dient mit allem was er tut, Krishna voller Liebe (bhaktiyoga) und erreicht dadurch die Selbstrealisation. (Bhagavadgīta / Reclam 2008, S. 87/88, 14. Gesang).
Was sagt Patanjali? Die Beschreibungen sind grundsätzlicher Natur, nicht so konkret, wie der Geist es sich wünscht, der alles genau wissen möchte.
2.52: tatah ksiate prakāsa-āvaranam: Dann reduziert sich die Hülle, die das innere Licht verdeckt.
Die Hülle sind die klesa, samskāra und die cittavritti. Das Licht ist „die Erleuchtung“, die Erkenntnis, das wahre Selbst. Citta ist der „Hebel“: Kommen die Bewegungen zur Ruhe, führt das zu Stabilität in manas und das wahre Selbst-drastu/drastah/purusa- ist in unverfälschtem Kontakt mit der Welt. Das ist das Erkennen der puren Wirklichkeit und der unwiderlegbaren Wahrheit (āgama), die für uns jetzt unter einer Hülle verborgen ist.
1.16 purusa khyāteh guna vaitrsnyam: Purusa (im Sinne von drasta) ist unbeeinflusst von den guna. Ist das ein Hinweis auf die Natur des Selbst? Ist es außerhalb von Materie? Denn laut Sāmkhya gibt es Materie nur durch guna. Ist das die Erklärung, wenn das Selbst als „reines Gewahrsein“ beschrieben wird und es kein Wesen ist? Dieses Gewahrsein handelt nicht selbst. Es ist einfach da. Das ist auch Bestandteil von Sāmkhya: Es gibt dieses reine Gewahrsein ( purusa) und die Materie, prakriti. Erst in der Verbindung mit der Materie verwirklicht sich das Selbst. Aber wie kann man sich dann den Kontakt mit dem citta, das Materie ist, vorstellen? Sagen die Weisen deshalb immer wieder, dass der Zustand nicht mit Worten auszudrücken ist? Nur über die eigene Erfahrung sei es möglich, zu wissen.
Wie kann man sich den Zustand praktisch vorstellen? Die Welt ist dieselbe wie vorher, die Menschen, alle Wesen. Auch manas, der Verstand ist da, nur ist er still, stabil (sthiti nibandhini, 1.35). Die Fähigkeit wahrzunehmen und zu fühlen bleibt. Der Umgang damit ändert sich.
Auch citta ist noch da und „aktiv“, aber in einer besonderen Weise. Es „funktioniert“ jetzt anders: Wenn der Geist, citta, so still und zentriert ist (ksina-vrtteh), so dass er wie ein reiner Edelstein (abhijātasya-iva maneh) die Eindrücke unverzerrt, unverfälscht an drasta weiter gibt, verschmelzen alle – citta, grāhya (Objekt, das Wahrgenommene), drasta – zu einer Einheit (1.41). Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen ihnen. Das ist samāpattih- der Zustand der Erkenntnis, der Wahrheit.
Samāpattih kann in vier unterschiedlichen Ausprägungen erlebt werden (sabījas 1.46). Zu Beginn ist der Wahrnehmung noch Quellwissen, Schlussfolgerungen oder Worte und Vorstellungen von citta „beigemischt“ (savitarkā 1.42). Die Wahrnehmung wird dann immer subtiler, reiner und citta ist kaum noch beteiligt (nirvitarkā 1.43) und schwindet letztlich ganz (nirvicārā 1.47). Dann wird das innere Selbst (ātma) „erkannt“. Das Bewusstsein ist unverfälscht (1.48). Daraus folgen Erkenntnisse, die nicht durch das citta, nicht durch Schlussfolgerung oder Wissen gewonnen werden können (1.49).
Als Folge davon lösen sich die fehlerbehafteten und unvollständigen Prägungen und Neigungen des citta auf, die oftmals zu Problemen, Sorgen und Leid führen. Das ist der Zustand von nīrbījas-Samādhi (1.51). Nir bedeutet „ohne“ und bīja bedeutet „Same“, als Metapher für die Prägungen. Der Weg zu Samādhi ist vollendet, das Ziel erreicht. In diesem Sinne ist das Sutra 2.16 in seiner ganzen Bedeutung zu verstehen: heyam duhkham anāgatam – Zukünftiges Leid kann vermieden werden. Durch Yoga.
In diesem Zustand, so heißt es, gelangt alles vom kleinsten Atom bis zum Makrokosmos unter die Kontrolle eines solchen Menschen (1.40). Das ist der Traum oder Albtraum der Menschheit schlechthin!
Glücklicherweise beinhaltet dieses Sutra zwei Botschaften:
- Auch wenn es in der Geschichte der Menschen immer wieder Versuche gegeben hat, die Kontrolle mit verschiedenen Mitteln oder Strategien zu erreichen, sind sie immer gescheitert. Leider gab es dabei immer unzählige unbeteiligte Leidtragende. Und auch die Technik, wie ausgefeilt sie auch sein wird (Stichwort KI), wird nicht zur gewünschten Kontrolle führen. Sie wird mit einem fehlerhaften, unvollständigen Geist geschaffen und auch die Technik ist Materie (guna!). Um alles zu kontrollieren, muss die Realität ohne Filter erkannt werden. Sonst ist die Kontrolle auch unvollständig. Nur eine intensive, sehr lange Meditationspraxis führt dorthin. Es ist also etwas enthalten, das uns vor Missbrauch durch machtgierige Menschen schützt.
- Ein Mensch im Zustand von samādhi hat kein Interesse mehr an Macht und Machtmissbrauch, weil es keine klesa mehr gibt. So beschreibt es auch die Bhagavadgīta.
Der achtgliedrige Weg des Yoga – astanga
Patanjali führt uns Schritt für Schritt auf den Weg. Der Prozess geht sehr langsam voran- und manchmal auch zurück. Die Veränderungen geschehen sehr langsam. Nur mit einem langen Atem, viel Ausdauer (abhyāsa 1.12), einem starken Willen (tapas 2.1) und mit Gelassenheit bezüglich der Rückschritte oder Mißerfolge (vayrāgya 1.12) erreichen wir nirodha. Wir werden nicht von jetzt auf gleich in einen anderen Zustand katapultiert oder erleben einen „Trip“ wie es bei dem Konsum von Drogen vorkommen kann.
Durch eine regelmäßige Praxis können wir den Geist „trainieren“, so wie wir auch Muskeln trainieren können. Er wird sich dann ganz natürlich verändern, ohne dass wir uns darum sorgen müssen. So wie auch Muskeln stärker werden, wenn sie regelmäßig trainiert werden. Auch für unseren Geist ist die Regelmäßigkeit entscheidend. Ein Retreat, also ein Rückzug über mehrere Tage oder Wochen in Gemeinschaft mit anderen Meditierenden, kann den Geist darüber hinaus in eine tiefe Stille kommen lassen, die im Alltag nicht möglich ist. Das ist eine hilfreiche Erfahrung, weil sie eine Perspektive erfahren lässt, die im Alltag die Praxis stärken kann.
Im Yogasutra heißt es, dass wir durch die Praxis neue samskāra, neue Wurzeln für die vritti entwickeln. Es sind samskāra der Ruhe und Klarheit.
Frei von unseren Prägungen, Bewertungen und Stimmungen sind wir in echtem, unmittelbarem Kontakt mit der Welt. Das wird kaivalya genannt- Freiheit im umfassendsten Sinne.
Buddha, Ramana Maharshi, Krishnamurti (die letzten beiden lebten im 20. Jh.) sind Beispiele für solche Menschen.
